INTRO
Wie bei vielen Künstlern in der Emigration sind auch die hier zu beschreibenden Werke des Georgiers KANCHELI eng mit der Aufarbeitung politischer Zustände in seiner Heimat verbunden. Die friedlose Geschichte des Kaukasusvolkes war in den letzten Jahrhunderten bestimmt von rigider russischer Hegemonie und moslemischer Infiltration. Eine von klaffenden Wunden übersäte Gratwanderung ums Überleben, durchaus vergleichbar mit dem Schicksal der Kurden. Als Teil der Konkursmasse des Sowjetimperiums steht Georgien nun als zerrissenes, bürgerkriegsgeschütteltes Land im Schatten der Weltöffentlichkeit. Obgleich exiliert und entwurzelt, vermag KANCHELI den Leiden seines Volkes eine ausdrucksstarke Stimme zu geben. Die seelische Altlast seiner Herkunft durchzieht im Gestus klagender Trauer nahezu all seine Stücke, auch bei dieser neuesten Einspielung. Ähnlich den bedrückenden Imaginationen eines Andrej Tarkowski, führt die Musik KANCHELIs durch "verlassene, menschenleere Räume" und trümmergesäumte Landschaften, die eine Ahnung von verlorener Schönheit, vergangenem Glück und aussichtslosen Kämpfen vermitteln. Die dominierende Stimmung der leisen, zerbrechlichen Klage wird nur selten von jäh aufbrechenden Emotionen wie Wut, Angst und Schmerz durchzogen. Trotz der scheinbar ausweglos erscheinenden schicksalshaften Ausgangssituation erschafft der 62jährige Georgier hier Klangwelten von ganz eigener Würde und belasteter Grazie. Mit DENNIS RUSSEL DAVIS leitet ein exponierter Spezialist für Moderne Musik das Stuttgarter Kammerorchster. Als Solisten in dieser Kompositionstrilogie fungieren Eduard Brunner (clarinet), Maacha Deubner (sopran), Kim Kashkashian (viola) und Jan Garbarek (sax).
Joachym Ettel / © Intro - Musik & so
mehr unter www.intro.de