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Eines Tages ruft ihn ein Ex-Kunde, inzwischen todkrank, ins Hospital. Er will noch einmal in die Sonne fahren, und Dominik soll mit. Das läßt der sich nicht zweimal sagen und weiß auch gleich, wen er mitnehmen will: die Neue aus der WG, die ein wunderbares Schildkrötenbuch besitzt. Also befahren sie mit einem Segelboot das türkische Mittelmeer, Caretta caretta, der Karettschildkröte auf der Spur, im Gepäck eine Riesenvorrat an Schmerzmitteln für den Kranken und für Dominik ein Stück Wahrheit über sein Leben.
Ein skurriles Buch hat der Österreicher Paulus Hochgatterer da geschrieben. Wie sein zuletzt erschienenes Werk Wildwasser ist Caretta Caretta viel eher eine Erzählung als ein Roman, eine Mischung aus existenzieller Fabel wie Robert Pirsigs Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten und Pubertätsverarbeitung à la Benjamin Lebert aus der Sicht eines cleveren Halbwüchsigen. Allerdings merkt man dem Buch deutlich an, daß hier ein professioneller Kinderpsychiater am Werk ist. --Nikolaus Stemmer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Paulus Hochgatterers Roman «Caretta Caretta»
Von Karl-Markus Gauss
Der 1961 im niederösterreichischen Amstetten geborene Paulus Hochgatterer hatte 1989 mit einem bemerkenswerten, indes kaum beachteten Bericht debütiert: «Der Aufenthalt» zeigte eine Nervenklinik von innen und legte Sprache wie Rituale einer Herrschaftsordnung bloss. Mit seinem zweiten Buch, dem Roman «Über die Chirurgie», den der Arzt, Psychoanalytiker und Autor Hochgatterer mit boshaftem Witz und formalem Raffinement in der Welt der Ärzte, Psychoanalytiker und Autoren ansiedelte, wurde er zum Geheimtip.
Die dritte Veröffentlichung, der Erzählband «Die Nystensche Regel», hätte ihn, wenn Qualität und Erfolg zusammengehörten, 1995 mit Fug und Recht zu einem der bekanntesten österreichischen Autoren machen müssen, denn diese Kurzgeschichten zählen zum Besten, was in den neunziger Jahren in Österreich geschrieben wurde. Freilich, Erzählungen, Kurzprosa, short stories, wie man das früher, als die Moderne noch jung war, genannt hat, sind nicht mehr das, was am Buchmarkt reüssiert. Verleger, Buchhändlerinnen, Rezensenten, sie alle beklagen es und setzen gleichwohl weiterhin einzig darauf auf den grossen Roman, Mindestumfang 380 Seiten, am besten in deutscher Sprache auf amerikanisch geschrieben und als Vorlage für einen Film angelegt.
Psyche von Heranwachsenden
Die Erzählung «Wildwasser», mit der Hochgatterer das Kunststück zuwege brachte, Jugendliche und Erwachsene gleichermassen anzusprechen, brachte ihm 1997 endlich nicht nur lobende Kritik, sondern auch Erfolg bei der Leserschaft. Im Zentrum der rasanten Erzählung stand ein Heranwachsender, der von zu Hause ausreisst, um den bei einem Sportunfall im Wildwasser verunglückten und vermissten Vater zu suchen. Einen Helden, der aus den Nöten der Pubertät aufbricht, die Welt zu erkunden und dabei zu sich zu finden, hat auch Hochgatterers neuer Roman «Caretta Caretta»; nur muss Dominik, «einen Meter siebenundsechzig gross, 54 Kilo», nicht aus milder Wohlstandsverwahrlosung flüchten, sondern aus dem Wiener Subproletariat, in dem er früh zum Gewalttäter, Strichjungen und, wie ihn die Freunde aus der therapeutischen Wohngemeinschaft charakterisieren, «grössten Psychopathenarschloch unter uns Durchschnittspsychopathen» gereift war.
Hochgatterer mag es seiner beruflichen Erfahrung als klinischer Kinder- und Jugendpsychiater verdanken, dass er sich in die verletzte Psyche von Heranwachsenden so unsentimental einzufühlen weiss; dass er aus der Perspektive eines 15jährigen jedoch einen ganzen Roman aufzubauen vermag, das hängt nicht mit seinen psychiatrischen, sondern seinen literarischen Fähigkeiten zusammen. Dabei birgt die Ich-Form, die er zum wiederholten Male bewältigt, vielerlei Gefahren: Der jugendliche Erzähler könnte sprachlich überfordert werden, seine eigene, ihn bedrängende Geschichte von Missbrauch, Verrohung, Drogenkonsum, Gewalt, Prostitution zu verhandeln. Oder der Autor erliegt der Versuchung, seinem vorgeschobenen Ich-Erzähler beizuspringen und fortwährend für ihn auf einem Niveau zu erzählen, das einem Jugendlichen gar nicht angemessen ist. Hochgatterer löst das Problem psychologisch glaubwürdig und literarisch konsequent, indem er seinen delinquenten Helden mit einem abgebrühten Witz und einer wachen Intelligenz ausstattet und in seinen Worten viel Ungesagtes mitschwingen lässt.
Die Erwachsenen, mit denen es Dominik zu tun hat, sind entweder Polizisten, Fürsorgebeamte, Drogenberater oder Kunden beiderlei Geschlechts, denen er sich mit unternehmerischem Selbstbewusstsein stundenweise als Sexualobjekt verkauft. Der Geschäftsverkehr schliesst zwar bei dem einen oder anderen Kunden auch kommunikative Bedürfnisse ein, doch kommuniziert Dominik eher mit den synthetischen Gestalten der Kulturindustrie, mit Comicfiguren, Rockmusikern, Filmidolen, Medienstars, als mit den ihn umgebenden Menschen. Überhaupt ist seine Welt eine fugendicht geschlossene Warenwelt, deren glitzernde Produkte sein Ziel wie seine Grenze bedeuten: Energy-Drinks, Markenkleidung, Werbeplakate, Songs vom Tom Waits, das alles sind nicht bloss Attribute seiner Identität, sondern alltägliche Überlebensmittel, und wo sie ihm entzogen werden, wird es für ihn und seine Umgebung gefährlich.
Starke Gefühle
Plakate, Musikstücke, Konsumartikel bestimmen die alltäglichen Entscheidungen dieses Jugendlichen, der die Welt als Ansammlung von Mythen der Kulturindustrie erfasst: «Aus dem Schaufenster eines Ladens mit amerikanischem Trash sprang mich von einem aufgespannten T-Shirt Sylvester Stallone als Rocky an. Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet, und aus dem Schüttelfrost, der mich erfasste, versuchte ich mich zu befreien, indem ich mich fragte, ob an dem Revolver irgend etwas kaputtgehen oder sich ein Schuss lösen könne, wenn ich den Kolben gegen die Auslagenscheibe schlug.»
Der Revolver, er ist der eigentliche Motor des Geschehens. In seinen Besitz war Dominik zufällig gelangt, als er wegen eines anderen medialen Ereignisses ausser sich geriet: Als Frankreich im Finale der Fussball-Weltmeisterschaft gegen Brasilien mit 2:0 in Führung geht, ist er nahe daran, durchzudrehen, hält er es doch heftig mit Frankreich, weil die halbe Mannschaft aussieht, als hätte sie «das Fussballspielen in einer Sondererziehungsanstalt gelernt». Wenn ihn starke Gefühle streifen, gleichviel ob glückliche oder traurige, dann «muss ich auf der Stelle fort, egal wohin, und die Menschen bekommen ziemliche Schwierigkeiten mit mir». In der Nacht, in der Frankreich Fussballweltmeister wird, setzt sich Dominik jedenfalls durch einen Überfall in den Besitz eines Revolvers, und seitdem er ihn hat, lebt er in der Erwartung, dass irgend etwas Grossartiges geschehen müsse: Diese Waffe ist eine Art Verpflichtung für ihn, aus dem Trott von Ladendiebstahl, Medikamentenmix, Prostitution auszubrechen und etwas wahrhaft Sensationelles zu wagen.
Tatsächlich gibt es am Ende einen Toten, aber Dominik hat ihn nicht umgebracht, sondern ihm einen schönen, würdigen Abgang beschert. Kossitzky, ein pensionierter Justizwachebeamter, ist einer seiner Stammkunden, hat Krebs im letzten Stadium und will noch einmal auf grosse Reise gehen. Dominik organisiert in Wien auf dem Schwarzmarkt einen Koffer mit schmerzstillenden Drogen und Medikamenten, und auf geht's in die Türkei. Ein seltsames Trio ist da unterwegs: der sanftmütige, todkranke Pensionist, der in seine schützende Gemütskälte eingepanzerte Stricher und Isabella, ein in sich verschlossenes Mädchen aus der therapeutischen Wohngemeinschaft, in das sich Dominik verliebt hat. Ein Opfer jahrelangen Missbrauchs, ist Isabella verstummt und versunken in die Lektüre eines einzigen Buches, eines Bildbandes über Schildkröten, in dem ihr das Foto der riesenhaften «Caretta Caretta», der «unechten Karettschildkröte», wie das Versprechen eines anderen, friedlichen Lebens erscheint. Dieses urtümliche Getier, das angeblich weinen kann, ist der Fluchtpunkt all ihrer Gedanken und Sehnsüchte, und um es einmal in der Wirklichkeit zu sehen, lässt sie sich überreden mitzureisen.
Was die drei, der Sterbende, die Schweigende, der Verhärtete, in der Türkei erleben, ist ein knalliger Gangsterroman und eine zärtliche Liebesgeschichte, ein Horrortrip und eine Erweckungslegende. Entschieden schreibt Hochgatterer gegen Konvention und Erwartung an. Schon in «Wildwasser» hatte er einen Dorfkaplan zuerst mit allen düsteren Eigenschaften ausgestattet, die ein solcher in der österreichischen Literatur gewohnheitsmässig haben muss, und ihn sodann überraschend als liebenswürdigen Menschenfreund gedeutet, der den gefährdeten Jugendlichen rettet. Diesmal kommt es noch dramatischer: Ausgerechnet der Päderast, der sich jahrelang die sexuellen Dienste eines Strichjungen erkauft, erweist sich als der zuverlässige Freund unter den vielen gnadenlosen Erwachsenen in Dominiks Leben. Am Ende fällt doch noch ein Schuss, aber er ist der Salut für den gerade Verstorbenen und, vielleicht, der Auftakt für Dominik und Isabella, ihr eigenes Leben doch noch wichtig zu nehmen und Mitleid für sich selber aufzubringen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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