Bei Vokalrecitals ist es seit einiger Zeit sehr beliebt, große SängerInnen der Vergangenheit Pate stehen zu lassen. Arien für Rubini, die Malibran, Farinelli usw. kommen gut an, jedoch nicht immer hat man das Gefühl, dass der Star der heutigen Zeit auch nur annährend die Magie des großen Namens der Vergangenheit adäquat zu verkörpern vermag. Anders bei Jarousskys neuem Carestini-Album. Seit Jahren schon ein Fan des Sängers, bin ich bei dieser CD aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Jaroussky, gerade mal 30, befindet sich offenbar auf dem Höhepunkt seiner erstaunlichen Entwicklung: Glasklare Intonation, brilliante Höhen und Tiefen vom Sopran bis zum Contra-Alt reichend (hierfür war Carestini besonders berühmt), ausgefeilte Koloraturtechnik, perfektes Abwägen zwischen schmelzender Emotionalität und präziser Virtuosität- kurzum ein Traum, kein Countertenor bislang, nicht einmal Scholl oder Daniels zu ihrer besten Zeit, hat derartige Qualitäten erreicht. Besonders schön ist auch, dass man hier neben einigen bekannten Händel-Schlachtrössern jede Menge noch nie aufgenommener Musik entdecken kann, darunter eine erstaunliche Arie des 1648 (!) geborenen Giov. Maria Capelli, in seinem Todesjahr 1726 im allermodernsten galanten Stil geschrieben, oder die beiden traumhaften Stücke aus Grauns leider fast völlig vergessenem Orfeo. Selten, dass ich eine CD mehrmals hintereinander ganz gehört habe, hier scheint die große untergegangene Gesangskunst der Kastraten auf magische Weise wiedererstanden zu sein. Unbedingt zugreifen, doch: Vorsicht Suchtpotenzial!