Im Jahr 1606 tötet ein stadtbekannter Choleriker und Raufbold in Rom einen Mann bei einem Schwertkampf und muss daraufhin Hals über Kopf aus der Stadt fliehen. Vier Jahre später stirbt er nach unsteter Flucht unter ungeklärten Umständen in einem kleinen Ort in der Toskana.
Sicher durchaus eine spannende Geschichte und ein mögliches Motiv für einen Roman. Entscheidend für das Interesse an diesem vierhundert Jahre zurückliegenden Vorfall ist jedoch etwas anderes: Der flüchtige Mörder ist der Maler Michel Angelo Merisi, genannt Caravaggio, dessen naturalistischer Stil die Malerei seiner Zeit revolutionierte.
Mindestens ebenso revolutionär war jedoch die Art, in der sein Lebensstil als polizeibekannter Trinker und Schläger, der sich bevorzugt mit Prostituierten umgab, das idealisierte Bild des mit einem besonderen Talent gesegneten, weltabgewandten, bescheidenen Künstlers demontierte: Caravaggio diente schon seinen Zeitgenossen als Archetyp einer anderen Art von Künstlerpersönlichkeit - des arroganten, bis zur Gewalttätigkeit rücksichtslosen Ausnahmetalents, das sich aufgrund seiner Einzigartigkeit als über den Regeln der gewöhnlichen Menschen stehend betrachtet. Das Bild des verruchten Genies entstand. Ob dies dem Menschen Merisi gerecht wird, ist schwer zu beurteilen, da viele zeitgenössische Berichte über den Maler auf ehemalige Konkurrenten und Neider seines Erfolgs zurückgehen und unter diesem Aspekt betrachtet und interpretiert werden müssen.
Naess nähert sich in seinem Roman der geheimnisvollen Figur des Caravaggio auf seine Weise: in fiktiven Berichten, die er z.T. tatsächlichen Personen aus Caravaggios Zeit und Umfeld zuschreibt, entwirft er ein interessantes Mosaik von subjektiven Wahrheiten, die den Menschen Merisi mit vielen Facetten und Widersprüchlichkeiten zeigen. Klug vermeidet der Autor irgendeine endgültige Festlegung auf eine vermeintliche Wahrheit und überlässt es dem Leser, sich sein eigenes Bild zu machen. Darüber hinaus entwirft Naess ein lebhaftes Sittengemälde der Zeit, und versteht es durch die Berichtsform, die Personen im Umfeld des Malers sowie seine Lebensumstände für den Leser lebendig werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund betrachtet man Caravaggios Bilder, die in den Texten genannt werden, mit besonderem Interesse, unabhängig davon, ob man sich zuvor bereits näher mit ihnen beschäftigt hat.
Ich empfand die Herangehensweise und die Umsetzung dieses Romans insgesamt als gelungen und stimmig. Die einzige kleine Einschränkung hierbei ist, dass ich die Sprache und Diktion der einzelnen Berichte als etwas zu ähnlich empfand: Die Erzählweise z.B. eines Paters, eines Stadtschreibers und einer Prostituierten würde ich deutlicher unterscheidbar erwarten (was allerdings, wie ich gerne einräume, auch schnell allzu klischeehaft geraten könnte).
Ich bin überzeugt, dass man nach dieser Lektüre einen besonderen Zugang zu der Kunst des Caravaggio und seiner Zeit finden kann, der über das Blättern in entsprechenden Kunstbüchern oder Internet-Kunstportalen hinausgeht. Aber auch literarisch - schließlich ist dies ein Roman und kein Kunstführer - empfand ich die Lektüre als empfehlenswert und vergebe daher gerne eine vier-Sterne-Wertung.