Michelangelo Merisi aus Caravaggio war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts. Wenige Künstler haben wohl die Nachwelt so fasziniert und zu Spekulationen angeregt wie er. Dreieinhalbtausend Literaturtitel tragen seinen Namen bzw. beschäftigen sich mit ihm und seiner Malerei. Die einen sehen in ihm "einen rebellischen, von der modernen Naturforschung angetriebenen Freidenker, einen heterodoxen Bohemien, der aus sozialem Widerstand die Unterschicht frequentierte", die anderen als einen Protegé des Reformtheologen Kardinal Federico Borromeo, der christologisch verrätselte Bilder erfand. Und nicht zuletzt die allseits beliebten psychoanalytischen Deutungen seines Lebens und Werks.
Die exzentrische und tragische Lebensgeschichte des Italieners scheint sich jedenfalls in seinen eigenartigen Bildschöpfungen widerzuspiegeln, die schon seine Zeitgenossen spalteten. "Das Faszinosium von Caravaggios Kunst besteht wohl nicht zuletzt darin, dass sie nicht nur all das aushält, sondern immer wieder intellektuell anregende Erkenntnisse ermöglicht.", schreibt Sybille Ebert-Schifferer im Vorwort zu ihrer opulenten Werks- und Bildbiografie. Die Direktorin der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte) in Rom bekennt sich selbst als Restriktionistin in jeder Hinsicht. Sie geht mit der Anerkennung von Gemälden als Originale Caravaggios sehr sparsam um. So beschränkt sie sich in ihrem Buch zum einen auf Werke des Künstlers, die ihr als sicher eigenhändig gelten. Zum anderen unterzog sie jede Behauptung über Werke und Biografie einer kritischen Wertung und verzichtete lieber auf Aussagen, als sie in ihren Text einfließen zu lassen.
Entstanden ist eine substantielle Monographie, die fern jeglicher, vielleicht liebgewordener Diskussionen bleibt, wie zum Beispiel diejenige über mit Caravaggios Gemälden verknüpfte Skandale und Ablehnungen. Sybille Ebert-Schifferer rätselt weder über die Modelle des Malers, noch versucht sie den von unterschiedlichsten Biografen "ersonnenen Kitt zwischen Person, Werk und Unauslotbarkeit" zu bestätigen oder zu widerlegen. Der Autorin gelingt es dadurch, die reale Figur in "ihrer historischen Fremdheit und das Werk in seiner verbalen Unauslotbarkeit wiederzugewinnen". Ihr Versuch, alle historisch plausibel erscheinenden Ansätze miteinander zu verbinden und fruchtbar zu machen gelingt ausgezeichnet. Das Buch ist nicht nur visuell eine Augenweide, auch der gut verständliche Text, in einer anschaulichen Wissenschaftssprache verfasst, trägt zum äußerst positiven Gelingen des Gesamtwerkes bei.
Fazit:
267 Seiten informeller Text, fern jeglicher Spekulationen, knapp 200 zum Teil großformatige und farbige Abbildungen in hervorragender Druckqualität, Zeittafel, Glossar und visuelles Werksverzeichnis vereint Sybille Ebert-Schifferers opulente Monografie, die einen präzisen und differenzierten Blick auf das mitunter in den letzten Jahren recht verzerrt dargestellte Leben und Wirken Caravaggios wirft. Eines jedenfalls ist unbestritten: Vor allem durch sein dramatisches Hell-Dunkel ("chiaroscuro") und die Inszenierung der Figur, bei der der menschliche Ausdruck in seiner Natürlichkeit und ihre psychologische Authentizität im Vordergrund steht, revolutionierte Caravaggio die Malerei entscheidend.