Mit diesem Song von Bruce Springsteen oder der Musik von Bryan Adams oder Albert Hammond im Ohr, in einem Chevrolet oder Cadillac, einem Ford Taurus oder Lincoln über den Pacific Coast Highway oder die Route 66, den Komfort und die Gelassenheit derartiger Fahrzeuge genießend, unter der Sonne des Südwestens der USA - welcher USA-Tourist schwelgt nicht in solchen Erinnerungen an seinen Urlaub in dieser Region? Doch was wissen wir eigentlich über die Geschichte und Entwicklung des Automobils in den Vereinigten Staaten? Zumeist sehr wenig.
Das kompakte und doch gewichtige Buch von Paolo Tumminelli kann hier auf beeindruckende Weise Abhilfe schaffen. Von den 1930er Jahren bis zum Modelljahr 2013 spannt der Autor den Bogen und geht dabei noch weit über den Bereich des puren Automobil-Designs in Amerika hinaus. Wie schon im ersten Band "Car Design Europe" setzt Tumminelli die Entwicklung des Car Designs nicht nur in die Gesamtheit der Automobil-Historie, sondern in die zeitgeschichtlichen und politischen Abläufe der jeweiligen Epoche und macht so deutlich, wie auch äußere Geschehnisse die Design-Entwicklung maßgeblich beeinflussen. Dabei kommt es dem Buch zugute, dass es lediglich zweisprachig in Englisch und Deutsch verlegt ist, so dass mehr inhaltlicher Raum zur Verfügung steht als beim dreisprachigen Band über das europäische Auto-Design. Tumminelli geht chronologisch vor und macht den Leser wieder mit zunächst vielleicht etwas rätselhaften Kapitel-Titeln neugierig, wie z.B. "Populook", "Rocket Rolls", "Body Building", "Mod Baroque" oder "Kandy Cars". Man erfährt auf kurzweilige und spannende Weise unglaublich viel über amerikanisches Design, amerikanische Autos und zudem eine Menge über die Geschichte der USA.
Die Design-Entwicklung - so vielschichtig und teilweise mit Brüchen in ihrem Ablauf sie auch ist - verlief in den USA doch sehr viel kontinuierlicher und überschaubarer als in Europa. Das ist auch kein Wunder, ist es doch die Historie des Auto-Designs in nur einem einzigen Land, während sich in Europa die Einflüsse von Italien, Deutschland, Frankreich und England sowie Skandinavien sehr viel differenzierter vermischten. Es ist erstaunlich, dass in den USA im Jahre 1908 noch 253 Fahrzeughersteller existierten, die sich nach und nach auf die drei großen Konzerne General Motors, Ford und Chrysler reduzierten. Wir erfahren von den legendären Marken Cord, Duesenberg und Packard, von Studebaker und Kaiser oder von den schließlich in American Motors (AMC) vereinigten Firmen Hudson, Nash und Rambler. Die nur vorübergehenden Produkte von DeSoto bei Chryler, Edsel bei Ford und Saturn sowie Geo bei GM finden ebenso Erwähnung wie die erst in jüngerer Zeit aufgegebenen Marken Oldsmobile, Pontiac, Hummer oder Mercury. Und natürlich werden wir über die namhaften Design-Größen der amerikanischen Autoindustrie informiert: Raymond Loewy, Gordon Buehrig, Eugene "Bob" Gregoire, Harley Earl, Bill Mitchell, Irv Rybicki und Chuck Jordan. Vor unserem Auge leben die gigantischen Straßenkreuzer der 1950er und 1960er Jahre wieder auf genau wie die Styling-Ikonen Ford Mustang, Chevrolet Corvette, Ford Thunderbird. Tumminelli informiert über den Einfluss der über den Verriss des Chevrolet Corvair weit hinausgehenden Kritik George Naders mit seinem Buch "Unsafe at any Speed" und über die nachfolgende Entstehung kleinerer Fahrzeuge, die sich an den Entwicklungen in Europa und vor allem in Asien orientierte.
Es ist klar, dass bei einem so großen Themenkreis Schwerpunkte gesetzt werden mussten und dass manche Themen nur kursorisch behandelt werden konnten. Das schadet dem Buch aber in keiner Weise. Im Gegenteil: So bleibt auch ein derartiges Kompendium - als das man "Car Design America" ohne Übertreibung bezeichnen kann - übersichtlich und gut lesbar. Der einzige kleine Kritikpunkt, den man zum Text anbringen kann, ist die an vereinzelten Stellen etwas holprige Übersetzung in die deutsche Sprache.
Ein echtes Highlight des auf wertigem Mattglanzpapier produzierten Buchs ist die prachtvolle Illustration. Es handelt sich überwiegend um zeitgenössische Aufnahmen aus den Archiven der Hersteller. Diese Bilder sind einfach ausnahmslos begeisternd und teilweise durch ihren einst werbenden Charakter sogar unterhaltend. Es ginge zu weit, hier einzelne Fotos zu beschreiben, da muss der interessierte Leser sich schon selbst einen Einblick verschaffen. Aber beispielhaft seien nur drei Ablichtungen erwähnt, die mir ganz besonders ins Auge gefallen sind: ein Chevrolet Bel Air 1956 unter der Golden Gate Bridge, ein Ford Fairlane am Airport von Los Angeles und ein Chevrolet Impala 1964 am Twin Peaks mit dem traumhaften Ausblick auf San Francisco!
Wer auch nur ein klein wenig für amerikanische Autos und den "American Way of Life" übrig hat, kommt an diesem schönen und empfehlenswerten Buch nicht vorbei. Und vielleicht wird diese Reihe noch mit einem Band "Car Design Asia" fortgeführt.