Er hatte ein Land begeistert. Er war ein großer Star, ein einmaliger Jetsetliterat. Aber wer hatte ihn sterben hören, wer hatte den von Drogen und Halluzinationen ausgezehrten Schriftsteller begleitet in seinen letzten Tagen? Niemand, nur die Einsamkeit, dieselbe, die auch über die blanken Linoleumböden der Krankenhäuser, in denen er seine letzten Jahre verbrachte, weht.
Truman Capote - das war ein Name, das war ein Genie. Wie hatte nicht alles angefangen, als der gerade erst dreiundzwanzig Jahre alte Capote seinen Debütroman vorstellte. Die Sprache ist meisterhaft, voller unglaublicher Bilder und Vergleiche. "Other Voices, other Rooms" spaltete die Literaturkritiker - und verhalf dem Youngster zu einem nie vorher gesehenen Höhenflug. Nicht zuletzt wegen des sensationellen Bildes, das auf dem Buchumschlag prangte, auf dem die Blicke des mädchenhaft hübschen Capote lasziv in die Kamera versinken...
Seine eigentliche Aufgabe - und seinen einsamen Abgang - fand der Poet aber in der Aufzeichnung eines grausamen Verbrechens, das sich mitten in Holcomb, Kansas, abspielte, einem kleinen Dorf inmitten des "Middle of Nowhere". Im November 1959 drangen zwei bisher noch nie gesehene Kleinkriminelle in ein Farmerhaus einer allseits geschätzten und hoch angesehenen Familie - den Clutters - ein und ermordeten diese - scheinbar grundlos. Und damit beginnt das große Spielfilmdebüt Bennet Millers. Capote ist von dem Verbrechen fasziniert, will die Psychologie der Tat - eigentlich eine unfassbare - in dieselbe Form der Sprache bringen, die er so meisterhaft beherrschte, und reist noch am nächsten Tag in das Städtchen. Er ist besessen von seiner Kunst.
Dieser Capote, den Phillip Seymour Hoffman spielt, er ist das Urbild des modernen Dandys: Wie wir ihn auf Partys sehen, das Glas sanft mit gespreizten Fingern umschlossen, die weiche, brüchige Sensationsstimme und das Gelächter eines schwulen Salonlöwen - es ist schon wieder zu arrogant, zu faszinierend, als dass man es diesem Capote verübeln könnte. Mit seiner Art stößt er bei den Bewohnern Holcombs allerdings nur auf ein verschlossenes, ahnungsloses Schweigen. Aber bald sind die Mörder gefasst. Perry Smith und Dick Hickock werden vom seltsam hart wirkenden Komissar, der Capote übrigens trotz anfänglicher Differenzen mit Material umsorgt, abgeführt.
Dick Hickock ist ein gewöhnlicher Krimineller: Ein hartes, von moralischen Untaten angerauhtes, ja entstelltes Gesicht und wilde, omnipotente Tätowierungen geben ihm nichts Besonderes - einer der für den Knast vorherbestimmt ist. Aber Perry Smith, er ist ein verstörter, gebrechlicher Mann mit verkrüppelten Beinen. In ihm entdeckt Capote etwas Verfeinertes, Träumerisches, das diese Person besonders macht und die Person ergreift ihn mehr noch als das Verbrechen.
Man könnte sagen, dass sich dieser Capote, dieser anteilnahmslose Snob, dass er sich in Perry verliebt hat. Man könnte das sagen, wenn man sieht, wie ihn Capote in mütterlicher Fürsorge mit Babybrei in der Todeszelle - die Strafe der beiden Mörder - füttert. Man könnte - aber die Tatsache, dass wir Capote am Telefon von Perry als einer "Goldgrube" sprechen hören macht uns skeptisch. Capote selbst ist besessen von seinem literarischen Projekt des Tatsachenromans und er muss sich entscheiden. Wird denn die Liebe des zu seiner Zeit öffentlich einzig anerkannten Homosexuellen noch siegen oder die genialische Besessenheit des Künstlers Perry als Objekt in den Todeskammern verkümmern und als bloßen Selbstzweck der eigenen Kunst nur in dem Werk fortleben lassen? Und ein weiteres Problem treibt den Dandy um: Nur wenn der halbwegs geliebte Perry endgültig hingerichtet ist, kann das geplante Werk zuende geführt werden.
Bennet Miller gibt keine Antworten. Die Kameraführung ist so klar und schnörkellos - und doch ist sie von subtiler Ahnung durchsetzt, die uns Capote näherbringt. Wenn wir ihn auf den Partys sehen, wenn wir ihn sehen, wie er Perry belügt, wie er an seiner eigenen Besessenheit zu zerbrechen droht, wie ihn der Ruhm aufputscht - dann sehen wir den Untergang des legendären Dichters heraufziehen. Und immer öfter sehen wir seine abgeklappten Hände mit einer herunterglimmenden Zigarette und immer öfter umschließen die zarten Hände das Glas. Der Alkohol betäubt die eigene Besessenheit und Verzweiflung.
In dieser subtilen Ahnung besteht die bis zur Perferktion gebrachte Kunst Millers. Es ist kein großes Blockbusterkino, sondern ein niveauvolles Drama, das niemanden nicht hineinzieht und verwickelt. Es wurde ein Bild gezeichnet dieses Capotes, das so glänzend von Philipp Seymour Hoffman beherrscht wird, das es alle anderen, auch herrausragenden Schauspielerleistungen einfach als bloßen Hintergrund erscheinen lässt. Aber das ist recht so: Denn auch der echte Capote wirkte mit einer unglaublich anziehenden Kraft auf seine Umwelt, die alles andere verblassen ließ.
Ja, es ist ein großer Film, den man da sehen kann und sollte. Es lohnt sich - in jeder Hinsicht. Am Ende ging Capote zuweit und porträtierte ausgerechnet die von ihm so sehr gebrauchte "high society", von der er fortan verbannt wurde. Er starb ganz einsam.
Aber auch und gerade Bennet Millers Film hat zur Wiederbelebung des Kults um diesen großen Geist geführt. Und das ist schon Verdienst genug.