Auf den Punkt gebracht, für ein ernsthaftes Verständnis der ökonomischen Institutionen des Laisser-Faire-Kapitalismus ist dieses Buch einfach unerlässlich. Nirgendwo anders wird man eine klarere, umfangreichere, rigorosere, überzeugendere und deshalb absolut fesselnde und inspirierende Beschreibung und Erklärung der ökonomischen Institutionen des Kapitalismus finden. Diese Qualitäten machen Capitalism zum ultimativen Nachschlagewerk für alle relevanten ökonomischen Fragestellungen zum Thema Kapitalismus. Darüber hinaus ist das Buch eine unerschöpfliche Quelle soliden und zum beachtlichen Umfang buchstäblich revolutionären theoretischen Wissens, die nicht nur viele der altbewährten Ideen der klassischen und österreichischen Schulen der Nationalökonomie über die Funktionsweise der freien Marktwirtschaft bestätigt, sondern gleichzeitig auch eine Fülle von originären fundamentalen Einsichten beinhaltet, die neue Dimensionen in der ökonomischen Theorienbildung aufreißt. Das revolutionäre Potential von Reismans originären Ideen kann sich durchaus mit den Beiträgen von solchen Giganten der Wirtschaftswissenschaft wie Adam Smith, David Ricardo, Karl Menger und Ludwig von Mises messen; ja, Capitalism ist ihnen sogar in den wichtigen Eigenschaften der internen Kohärenz, dem hohen Grade der Anwendbarkeit und empirischer Relevanz zum Teil weit überlegen.
Nebenbei, quasi im Vorbeiflug, wird kein einziges bekanntes Argument gegen Kapitalismus ausgelassen oder unvollständig behandelt. Die Schlüsselideen von Marx, Keynes, Samuelson, Galbraith sowie anderer weniger prominenten Theoretiker des Anti-Kapitalismus werden sorgfältig dargestellt und ihre logischen und empirischen Schwächen genauestens dokumentiert; es wird gezeigt, wo und warum sie inkorrekte Darstellungen und Schlüsse über die Funktionsweise und wohlstandstiftende Natur des Kapitalismus liefern. Nur nachdem ich Reismans meisterhafte und detaillierte Darstellung und Kritik von Marx und Keynes gelesen habe, war ich wirklich in der Lage die eigentliche Mechanik und die Tragweite der Ideen in Das Kapital und in der Allgemeine Theorie zu würdigen.
Eine der bedeutenden Neuerungen Reismans ist seine einzigartige Kritik der Marxschen Ausbeutungstheorie, die hier kurz erwähnt sei. Reismans Kritik geht wesentlich weiter in die konzeptionell-theoretische Substanz des Marxschen Denksystems als die allseits bekannte Abhandlung von Böhm-Bawerk (Zum Abschluss des Marxschen Systems). Reisman zeigt vor allem, dass die Ausbeutungstheorie den eigentlich Prozess und Determinanten der Einkommensentstehung- und Verteilung vollkommen rückwärts beschreibt.
Reisman macht unmissverständlich klar, dass man mit dem Aufstieg des Kapitalismus und kapitalistischen Wirtschaftsordnung, wo, im Gegensatz zu früheren primitiven Wirtschaftsformen, die arbeitsteilige Produktionsweise und Tausch für den Markt und durch den Markt vorherrschen, nicht die Entstehung der Einkommenskategorie des Zinses/Profit in Zusammenhang bringen sollte, wie es Marx tat, sondern gerade die Kategorie des Lohneinkommens. Lohnarbeit und Lohneinkommen gab es in den pre-kapitalistischen Wirtschaftsformen genau deshalb nicht, weil es keine Kapitalisten und keinen Kapitaleinsatz in Form von Arbeitsnachfrage gab. Der Kapitaleinsatz der Kapitalisten und Unternehmer schafft nicht nur die Nachfrage nach Kapitalgütern, sondern auch die Nachfrage nach (Lohn)Arbeit und somit auch Geldlöhne als eigenständige Einkommenskategorie.
Marx, und Adam Smith vor ihm, glaubten irrtümlicherweise, dass Zins/Profit eine Subtraktion von dem (Wert)Produkt der alles-Wert-stiftenden manuellen Arbeitskraft sei. In ihrer Vorstellung über die Essenz der Arbeit und den Ursprung des wirtschaftlichen (Tausch)Wertes sind die Lohnarbeit und die Arbeit eines selbstständigen Bauers ein und dasselbe, denn beide verrichten physische Arbeit zur Erzeugung eines zum (direkten oder indirektem) Konsum bestimmten Produkts. Von dieser Gemeinsamkeit gelangten Smith und Marx direkt zu der These, die die Wirtschaftswissenschaft bis heute fest im Griff hat, dass der Lohn die natürliche Einkommenskategorie der Arbeit sei: wer arbeitet, der bezieht Lohn, egal in welcher Kapazität er relativ zu anderen Marktteilnehmer steht. Sie hatten ihren analytischen Blick exklusiv auf die eigentlich unwesentliche Verrichtung der physisch-manuellen Arbeit und deren (physische) Produkt fixiert gehabt. Dieses konzeptuell-analytische Gerüst lässt die vitale historische Unterscheidung zwischen selbständiger und abhängiger Arbeit und deren Signifikanz für ein korrektes Verständnis der Marktprozesse einfach nicht zu.
Tatsächlich aber sind die Löhne ein (von vielen) in monetären Einheiten ausgedruckter Kostenfaktor, im dessen Ursprung entsprechende Kapitalinvestition steht, während Zins/Profit die Differenz zwischen Umsatz und eben all den Produktionskosten ist. Je nach Richtung und Umfang der quantitativen Veränderung dieses oder jenes Kostenfaktors relativ zum Umsatz der Unternehmung, fällt oder steigt der Zins/Profit. Das Phänomen der Kapitalinvestitionen ist also eine unabdingbare Voraussetzung für die Phänomene der Lohnarbeit und (Geld)Löhne. Ohne Kapital und Kapitalakkumulation können keine Lohnarbeit und keine (Geld)Löhne existieren. Da die Entwicklung der realen Löhnen strikt proportional der Entwicklung der Arbeitsproduktivität folgt, welche wiederum ganz wesentlich von dem bisher erreichte Niveau und kontinuierlicher Akkumulation von (realen) Kapitalgütern abhängt, fällt dem Kapital und Kapitalakkumulation in der Analyse der kapitalistischen Produktion und Verteilung zentrale Bedeutung zu. Zins/Profit kommt nicht durch Ausbeutung von Arbeit durch Kapital zu Stande. Kapital 'zeugt' Lohnarbeit, kein Profit; Akkumulation des Geldkapitals erhöht, nicht senkt, die realen Löhne, reduziert, nicht anhebt, die Profitsumme.
Auf der Basis dieser einfachen Analyse konstruiert Reisman seine eigene extrem leistungsfähige Theorie des Zinses/Profits. Auf der Grundlage der Zinstheorie entwickelt er fortan seine Theorie des Sparens und der Kapitalakkumulation. Ein wesentliches Element dieser Theorie ist die Einsicht, dass die Akkumulation des realen Kapitals, und die damit verbundene höhere Arbeitsproduktivität und kontinuierliche Wohlfahrtsteigerung, keine Gefahr für die nominale Profitabilität der Unternehmen darstellen und kommen somit als Ursachen für Wirtschaftskrisen überhaupt nicht in Frage.
Im Zuge seiner makroökonomischen Diskussion bietet Reisman desweiteren eine absolut vernichtende Kritik des orthodoxen keynesianisch inspirierten Systems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung an und zeigt zugleich ausführlich welche Elemente ein mit der wirtschaftlichen Realität konformes System der Gesamtrechnung beinhalten muss. Auch die Mikroökonomik konnte sich dem scharfen und all umfassenden Blick George Reismans nicht entziehen. Reisman rekonstruiert die Preistheorie grundlegend, zeigt fatale Fehltritte und Fehlschlüsse in der neoklassischen Preistheorie auf, bringt preistheoretische Überlegung in Einklang mit makroökonomischen Grundsätzen.
Kurzum, Reismans Capitalism ist einzigartig in der unglaublich dichten Fülle an frischen und bahnbrechenden Ideen, die sicherlich weitestmögliche Verbreitung und größtmögliche Leserschaft brauchen.