Mit Dragon’s Dogma versucht sich Capcoms japanisches Entwicklerteam (die u.a. für Devil May Cry und Resident Evil verantwortlich zeichneten) zum ersten Mal an einem sehr westlich orientierten Rollenspiel. Auf den ersten Blick ist deren Herangehensweise an eine typische Fantasy-Welt recht nüchtern und unspektakulär, bei genauerem Hinsehen allerdings offenbaren sich einige deutliche Unterschiede zu den üblichen Konventionen anderer Genrevertreter. Die Rahmenhandlung wirkt hierbei eingangs eher wie ein Mittel zum Zweck, ist sie doch nach relativ vorhersehbarem Muster gestrickt: Der Protagonist aus einem beschaulichen Fischerdorf wird bei einem Angriff des gefürchteten Drachen aufgrund seiner Willensstärke zum sogenannten Arisen (zu deutsch: Erweckter), mit dem unschönen Nebeneffekt, dass die übermächtige Kreatur ihm sein Herz entreißt und mit der Aufforderung verbleibt, er/sie solle sich bewaffnen und ihm entgegentreten. Klingt erstmal ziemlich einfallslos? Ist es vermutlich auch. Das narrative Element zählt definitiv nicht zu den Highlights des Spiels, obgleich es einige interessante Nebenquests gibt und die ganze Sache gegen Ende noch einmal gewaltig an Fahrt aufnimmt. Doch bis dahin gilt: In dieser Hinsicht bitte nicht zu viel erwarten.
Der Vorwand, unter dem der Spieler in die Welt herausgeschickt wird, mag zwar ein sehr durchwachsener sein, doch letztendlich geht es wohl um den Spielspaß und dort kann Dragon’s Dogma definitiv punkten. Alles, was der RPG-Freund begehrt, wird hier reichlich geboten, vom Aufleveln über das Sammeln von allerlei Ausrüstung und sonstigem Gedöns bis hin zum Erkunden ebenso verwinkelter wie gefährlicher Dungeons. Das Königreich Gransys ist hierbei ein Sandkasten zum Entdecken, die einzige Grenze ist die Stärke der eigenen Party – sind Gegner in bestimmten Regionen noch zu mächtig, sollte man schnell kehrtmachen. Das Komplettieren der Karte ist hierbei eine spannende Angelegenheit, da man so nach und nach ein Gefühl für die Struktur des Landes bekommt. Zudem findet man immer wieder kleine Camps, Hütten oder sonstige spezielle Orte, an denen sich entweder Schätze oder Monster (oder beides) befinden. Gerade unzugängliche Gegenden, die etwas ab vom Schuss liegen, sollte man stets genau unter die Lupe nehmen. Überhaupt hat mir das Wandern durch eine Spielwelt schon lange nicht mehr so viel Freude bereitet wie bei diesem Titel. Wenn man nicht gerade damit beschäftigt ist, die weitläufige Landschaft zu bewundern, wird man in kleinere Kämpfe verwickelt, die für die nötige Abwechslung sorgen. Wenn man von den Reisewegen abweicht und sich in unwirtliches Gebiet begibt, läuft man auch schon gern mal in größere Feinde hinein, welche die Party unversehens in nervenaufreibende Kämpfe von moderaten Boss-Ausmaßen verstrickt. Wer das erste Mal unvorbereitet mit einem Zyklopen oder einer Chimäre ringt, wird diesen Effekt sicherlich nachvollziehen können.
Ein besonderes Schmankerl ist übrigens das Tag-/Nacht-System, denn wer zu lange Strecken am Stück reist, muss früher oder später in völliger Dunkelheit seine Streifzüge unternehmen. Also: Laterne und Öl nicht vergessen! Es tauchen dann nämlich andere, stärkere Gegner auf und wer sich vorher nicht mit ausreichend Heilkräutern eingedeckt hat, erlebt womöglich den Sonnenaufgang nicht mehr. Doch das Spiel reizt nun mal alle paar Meter damit, den Weg zu verlassen, um (vermeintlich) interessante Stellen näher zu erkunden. Dadurch werden gerade am Anfang die Reisen sehr lang, da man sich alles genauer ansehen möchte und so gefühlte Ewigkeiten bis zum nächsten Ziel braucht. Gegen Spielende, wenn man alle Orte kennt, geht’s etwas schneller vonstatten, zumal man auch nicht Gefahr läuft, irgendwo in der Wildnis der Oberwelt die absolute Top-Ausrüstung zu übersehen. Dennoch sind die Funde meist lohnenswert. Auch sonst macht das Reisen Spaß, denn Dragon’s Dogma verfügt über ein für Rollenspiele untypisches, da recht dynamisches und schnelles Kampfystem mit vielen verschiedenen Angriffsoptionen pro Klasse. Neben Üblichkeiten wie Elementarschwächen & Co. sind vor allem die großen Feinde interessant, denn man kann (und sollte) sich an ihnen festhalten und an/auf ihnen herumklettern, denn wer nicht auf die Schwachpunkte oder bestimmte Körperstellen zielt, macht es sich nur unnötig schwer. Hier merkt man am deutlichsten, dass die Entwickler ansonsten eher auf Actionspiele spezialisiert sind, denn Auseinandersetzungen gehen ebenso flink wie flüssig von der Hand und sind etwas, worauf man sich immer wieder freut – ja, man sucht geradezu nach starken Gegnern, um diesen Adrenalinschub möglichst oft zu erleben. Wenn man dann später im Spiel einen Feind, welcher der Party einige Stunden zuvor noch alles abverlangt hat, plötzlich binnen weniger Sekunden niederstreckt, macht sich ein unvergleichliches Erfolgsgefühl breit: Man merkt in diesem Spiel deutlich, wie man stärker wird. Und es fühlt sich fantastisch an!
Das Questsystem, auf dem das Voranschreiten in der Geschichte basiert, ist in drei Teile gegliedert: Es gibt die storyrelevanten Hauptquests, es gibt optionale Nebenquests unter Einbindung wichtiger NPCs (von denen man so einige verflucht leicht verpassen kann) und zu guter Letzt noch die sogenannten Notice Board Quests, die sich hauptsächlich auf einfaches Besorgen von Gegenständen in gewisser Stückzahl oder das Besiegen einer ausreichenden Menge von Gegnern beschränken. Dennoch sind sie immerhin eine nette Gold-/XP-Einnahmequelle für nebenbei und erledigen sich dankenswerterweise meist wie von selbst, sofern man gewissenhaft alles mitnimmt, was man so findet. Damit die ganze Angelegenheit auch nicht langweilig wird, kann man ab einem recht frühen Punkt im Spiel jederzeit seine Charakterklasse wechseln und gewisse Upgrades klassenübergreifend behalten und kombinieren. Ein absolut fantastisches Feature. Wer lange bei einer Klasse bleibt, erhöht deren Rang und hat somit neue Fähigkeiten zum Freischalten zur Verfügung, die mit verdienter Disziplin aus Kämpfen bezahlt wird. Der Hauptcharakter wird so irgendwann mehr und mehr zum Allrounder und es hängt ganz vom Spieler ab, ob er eine Klasse bis zum bitteren Ende upgradet oder doch lieber schon auf halber Strecke vom Magier zum Bogenschützen wechselt. Hinzu kommen fortgeschrittene und hybride Klassen, sodass man sich insgesamt in neun verschiedenen Kampfstilen austoben kann. Hierdurch entsteht natürlich ein gewisser Bedarf an einer Vielzahl von Ausrüstung und Waffen, denn nicht alles ist für jede Klasse nutzbar. Zudem lässt sich jedes Item noch im Waffenladen weiter aufrüsten, was merkliche Vorteile im Kampf verschafft, allerdings auch Geld und Materialien (d.h. Drops von Gegnern) kostet. Ebenso kann man Heilgegenstände und sonstiges Zeugs kombinieren, doch diese Funktion empfand ich persönlich als relativ nutzlos, denn mit den billigen Heilkräutern und Pilzen (für Gegner, die durch Kletterei viel Ausdauer benötigen) kommt man eigentlich ohne Probleme durch. Wer zu viel mit sich herumträgt, wird übrigens stetig langsamer, sodass es sich empfiehlt, regelmäßig seine gesammelten Gegenstände einzulagern, bis man sie wieder braucht. Auf diese Option lässt sich zentral bei jeder Übernachtungsmöglichkeit zugreifen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Vasallen-System. Man ist zwar als Party von bis zu vier Personen unterwegs, doch drei davon kontrolliert man nicht selbst. Der Protagonist ist durch seine besonderen Kräfte in der Lage, seelenlose Krieger in Menschengestalt zu seinen Verbündeten zu machen. Neben dem Hauptvasallen, der als ständiger Begleiter agiert (und den man ebenso wie seine eigene Figur komplett selbst erstellt), kann man sich mithilfe der Online-Unterstützung noch bis zu zwei weitere Figuren von anderen Spielern ausleihen und abschließend ihre Nützlichkeit detailliert bewerten (umgekehrt wird auch der eigene Hauptvasall ausgeliehen). So kann man sich selbst seine optimale Party basteln. Zwar gibt es nur drei Basis-Befehle für die Vasallen (Losschicken, Herkommen, Helfen) und den Rest erledigen sie nach eigenem Gutdünken, doch ich persönlich habe die KI persönlich als recht klug und nützlich empfunden, sodass auch keine weiteren Befehle vonnöten sind. Vasallen lernen zudem aus Begegnungen mit Feinden und wenden bei der nächsten Begegnung mit demselben Monster effektivere Strategien an. Wer das Verhalten seines Getreuen dennoch zu bemängeln hat, kann sich entweder auf ein kurzes klärendes Gespräch mit ihm zusammensetzen oder wahlweise magische Tränke zur Änderung seines Charakters erwerben. Man merkt: In dieses interessante System haben die Entwickler viel Mühe investiert.
Stichwort Langzeitmotivation! Ich habe jetzt über 140 Spielstunden hinter mich gebracht und bin dieses Abenteuers noch immer nicht müde. Es gibt so viel zu erledigen und zu sehen, und jede Klasse werde ich verutlich nicht meistern (denn eine dauert schon recht lange), Wer Erfahrungen mit Rollenspielen hat und nicht nur schnell durch den finalen Dungeon huscht, wird dort zudem noch für viele viele Stunden zum exzessiven Leveln und zum Farmen wertvoller Items verführt (mit Fokus auf den schnell respawnenden Bonus-Boss).
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