(Bewertung bezieht sich auf die englische Version)
Die "Ace Attorney"-Spiele mit dem Anwalt Phoenix Wright in der Hauptrolle können auf eine grosse Fangemeinschaft zählen: Die Mischung aus Gerichtskrimi, Abenteuer sowie einer grossen Portion Spannung und Witz fesselte vor den kleinen Bildschirm und liess einem mitfiebern, was hinter den haarsträubenden Fällen steckte. Nun steht Teil 4 in den Startlöchern, und mit ihm ein ziemlicher Schock: Phoenix Wright hat seine Arbeit an den Nagel gehängt und schlägt sich nun mit Klavierspielen durch. Seinen Platz eingenommen hat der junge, unerfahrene Apollo Justice, der sich zuerst seine Sporen im Gerichtssaal verdienen muss.
Der Ablauf der Fälle ist dabei praktisch 1:1 mit denen der Vorgänger. Wie seinerzeit Phoenix wird Apollo mit scheinbar vollendeten Tatsachen konfrontiert und muss versuchen, die Wahrheit herauszufinden. Dazu besucht er den Tatort und weitere involvierte Schauplätze, um nach Hinweisen und Indizien zu suchen. Weiter müssen Zeugen verhört und Zusammenhänge gefunden werden, bevor es zum Schlagabtausch im Gerichtssaal kommt - wer die Vorgängerspiele kennt, dem wird das Ganze sehr vertraut vorkommen.
Nicht nur der Ablauf lässt ein Déjà Vu zu: So bewegt man sich auch hier von einem statischen Schauplatz zum nächsten, wo man sämtliche anklickbaren Anhaltspunkte untersucht. Um diese Untersuchung aufzupeppen, werden dem Spieler einige Hilfsmittel zur Verfügung gestellt: So werden z.B. Fussabdrücke mit Gips abgefüllt, um so einen hübschen Stiefelabdruck zu bekommen. Oder man greift zu Pulver und Pinsel und nimmt Fingerabdrücke, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Ganz neu sind diese Methoden jedoch nicht, wurden sie teilweise doch schon im ersten "Ace Attorney"-Spiel angewendet - wenn auch nur im letzten Fall, der nur auf der DS veröffentlicht wurde.
Neu dafür ist der veränderte Verhörmodus: In seinem zweiten und dritten Abenteuer hatte es Phoenix oft mit Personen zu tun, die aus verschiedenen Gründen ihre Erlebnisse tief in sich verborgen hatten und er diese ans Licht bringen musste. Apollo nun muss während den Gerichtsverhandlungen auf verräterische Bewegungen oder Verhaltensweisen Ausschau halten, die auf Lügen oder Geheimnisse hinweisen. Dabei fixiert Apollo sein Gegenüber, so dass sich die Zeit verlangsamt und man besser auf die Körpersprache achten kann - nur so hat man eine Chance, diese kleinen Unebenheiten zu entdecken.
Ebenfalls neu ist die Rekonstruktion des Tathergangs, die in kleinen, teilweise editierbaren Videos zusammengefasst und während den Gerichtsfällen verwendet werden müssen.
Technisch gibt es nicht viel auszusetzen: Die Schauplätze und Charaktere sind wie gewohnt im Mangastilgemalt. Einiges wurde praktisch unverändert von den Vorgängern übernommen, wie z.B. das Befehlsmenü oder das Gericht. Positiv zu erwähnen sind die Videos, die eine schöne Alternative zu den statischen Bildern sind. So darf man unter anderem an einem Rockkonzert teilhaben und bekommt das Videoband gleich mitgeliefert, damit mans später nochmals bestaunen und/oder als Beweismittel zücken darf.
Von den Vorgängern übernommen wurde die Bedienung: Der DS-Stift kommt meist bloss zum anklicken zum Einsatz. Auch das Mikrofon wird kaum benötigt, es sei denn, man muss Pulver von den zu untersuchenden Fingerabdrücken pusten. Nicht geändert hat sich, dass die Geschichte oft "hängen" bleibt: So muss oft mit einer bestimmten Person ein bestimmtes Thema besprochen oder ein bestimmtes Beweisstück auf eine bestimmte Art untersucht werden, bevor das Spiel weitergeht. Dem Individualismus sind so sehr enge Grenzen gesetzt - aber das war bei den Vorgängern auch nicht anders. Dabei muss jedoch gesagt werden, dass der Schwierigkeitsgrad doch einiges tiefer liegt. Vor allem der Staatsanwalt verhält sich mit seinen Tipps und Hinweisen etwas gar oft als Verbündeter anstatt als Gegner. Als Kompensation dauert eine Gerichtsverhandlung nun fast ewig und dreht sich sehr oft um kleinste Details.
Rundum neu ist die Musik, die immer passend zum Geschehen komponiert ist. Dafür ist die Soundkulisse wie gehabt eher bescheiden: Die Sprachausgabe beschränkt sich auf kurze Ausrufer wie "Einsprache!", der Rest der Gespräche wird mit verschiedenhohen Tönen wiedergegeben. Auch sonst ist soundmässig eher wenig los, was aber meiner Meinung nach ziemlich gut mit der schönen Musikbegleitung kompensiert wird.
Zur Handlung kann mit gutem Gewissen gesagt werden, dass sie in etwa so schräg und die Charaktere so überdreht sind wie bei den Vorgängern. Jedoch muss auch gesagt werden, dass der Humor doch bedenklich abgenommen hat: Von den schiefen und sarkastischen Diskussionen von Phoenix Wright ist kaum mehr was für Apollo Justice übrig geblieben, die neuen Witzchen wirken sehr oft bemüht oder einfach nur lasch. So kommen Apollos Gegenspieler nie an den Zynismus eines Miles Edgeworth heran, die Gespräche mit der Assistentin Trucy sind eher belanglos. Dies ist meiner Meinung nach sehr schade, war der Humor doch eine der grössten Stärken der Spieleserie. Es bleibt zu hoffen, dass die deutsche Version etwas vom verlorenen Biss zurückbekommt.
Dieser letzte Punkt macht es unmöglich für mich, dem Spiel die volle Wertung zu geben. Abgesehen davon kann das Spiel wohl allen zu empfehlen, die Krimis, Knobeleien und/oder die Spielreihe an sich mögen.