"Cap Esterel" ist Tanja Langers erstes Buch, nach den Erfolgen ihrer letzten Romane ( zuletzt: "Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte") jetzt auch bei DTV wieder neu aufgelegt. Schon hier, in diesem eher kurzen Roman, deutet sie an, was schriftstellerisch und poetisch in ihr steckt.
Sie erzählt auf drei Ebenen von der Suche von Menschen nach Liebe, nach erwachsener Liebe.
Der junge Architekt Michel, seit sieben Jahren mehr oder weniger glücklich mit Judith liiert, fährt mit seinem Auto an die Cote d'Azur. Er mietet sich dort in einem Ferienhaus ein; es muß genau dieses sein, und kein anderes. Wieso, fragt man sich beim Lesen, und im Verlauf des Buches schält es sich heraus: Michel ist auf der inneren Suche nach seiner Mutter, die zusammen mit seinem Vater an eben diesem Strand, an den er nun zurückkehrt, ertrunken ist. Michel blieb damals mit seinem Bruder Patrick zurück, der diesen Schock allerdings nicht verkraftete: er sprang mit 10 Jahren in ein leeres Schwimmbecken ...
Michel hat den Tod seiner Mutter aber auch nicht wirklich verarbeitet. Erst als er ein Schwimmbad (!) projektiert und dann auch vollendet, geht er daran, sein Leben neu zu ordnen.
Er erinnert sich auf der Fahrt und in den beiden Wochen seines Aufenthaltes am Cap Esterel an Elisabeth, seine großen Liebe, die er aber nicht wirklich als Mann lieben konnte, weil er zu sehr mit seiner Mutter lebte, bzw. mit der unaufgearbeiteten Trauer um sie.
Auch Elisabeth hat Michel nie vergessen. Sie ist mittlerweile verheiratet, hat Familie. Tanja Langer komponiert sehr geschickt ihre Erinnerungen an Michel mit seinen aktuellen Erfahrungen am Mittelmeer.
Und sie flicht noch eine dritte Ebene ein: sie lässt Michels Mutter sprechen, die sich gegen ihren Willen im Sommer ihres Todes verliebt hat in den algerischen Kioskbesitzer Jules. Als Michel sich auf die Suche nach seiner Mutter macht, ist nicht nur "Madame" noch da, die ihm das Studio von damals vermietet und sich noch sehr genau an die französisch sprechende deutsche Frau mit den beiden kleinen Buben erinnern kann, sondern er begegnet auch Jules, der seit dieser Zeit dort geblieben ist, sich nicht gebunden hat und seiner großen, im Meer verschwundenen Liebe nachschaut ...
Als Michel sich endlich nach einer für ihn erlösenden Erfahrung im Wasser von seiner Mutter löst, ruft er Elisabeth an. Doch es ist schon längst zu spät für die beiden ...
Ein wunderschöner Roman mit großer poetischer Kraft über die Bedingungen für ein erwachsenes Lieben.