Da behaupte noch einer, Latein sei eine tote Sprache! Franz Schlosser belehrt uns eines Besseren, wenn er unverwüstliches deutsches und internationales Liedgut in lateinischer Übersetzung liefert, sinngemäß übersetzt und vor allem haargenau an den Original-Rhythmus angepasst. Wer's nicht glaubt und/oder scharf ist auf angewandte Übersetzungstheorie: Im Anhang sind die deutschen, englischen oder französischen Originale mit sämtlichen Strophen abgedruckt.
Will sagen: Man kann das alles vom Blatt singen, sofern man die Melodie kennt und (wenigstens im weitesten Sinne) singen kann -- und die zugehörigen Melodien dürften die meisten sowieso kennen: "Ein Loch ist im Eimer", "Sabinchen war ein Frauenzimmer", "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad", "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten"... alles drin, und noch 54 weitere dazu.
Da die Übersetzung von Bekanntem zwangsläufig Abstand schafft und den Leser (bzw. Sänger) das so verfremdete Original gewissermaßen aus der Vogelperspektive betrachten lässt, ist sogar Erkenntnisgewinn nicht auszuschließen. Wen hätte nicht schonmal der tiefere philosophische Sinn von "Die Affen rasen durch den Wald" interessiert? Hier bietet sich vielleicht sogar die Chance zur dissertationstauglichen Interpretation... wenn das Doktor-Elternteil mitspielt, was die Hoffnungen leider gründlich zunichte machen dürfte. Egal. Beziehungsweise schade.
Am schärfsten allerdings fand ich die neun lateinischen Versionen von Blues, Folk, Pop und NDW: Hier erstrahlen nicht nur das "House of the 'Rising Sun'" und das "Yellow Submarine" frisch gestrichen in neuem Glanze, und "Yesterday", resp. "Hodie" lässt einen fast schon argwöhnen, hier lese man die lateinischen Originale der Welthits. Gibt's da nicht als Präzedenzfall die These, Shakespeare sei ein Klingone gewesen und habe sein Werk ursprünglich auf Klingon verfasst? Könnte nicht auch das Original von "99 Luftballons" bereits auf dem Forum Romanum zu hören gewesen sein? Und könnte da nicht Peter Ustinov... pardon, Nero auf dem Umschlag ein Fingerzeig sein? Nero malträtiert die Laute als Begleitung zu "Care mi Augustule"? Die Vorstellung hat was.
Egal. Es macht ganz einfach Spaß, wenn hehres humanistisches Bildungsgut vom Marmorsockel runterhopst und sich Bolles Pfingstfahrt gen Pankow anschließt. Und das ist die Hauptsache.