Warum gibt es viel weniger Mädchen- als Knabenchöre? Wirken sich die uralten Wurzeln der Knabenchöre in der Sakraltradition noch immer aus, die kaum Frauenstimmen duldete, eventuell gerade noch im Unsichtbaren, wie Vivaldis Waisenmädchenchor im Ospedale della Pieta hinter Gittern? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich mal nicht die Windsbacher, Dresdner oder Regensburger höre, sondern einen Mädchenchor, den Hannoverschen z.B., der lange Zeit der Maßstab für unverfälschten, jugendlichen Klang war, der inzwischen aber seine hervorstechenden Solostimmen auf den Koloraturtrip geschickt hat, oder den Mädchenchor Wernigerode...
Man kann diesen Chor, den Mädchenchor Wernigerode, nicht mit einem Knabenchor vergleichen. Zeichnet sich der optimale dt. Knabenchor durch geradezu stählern-harte Tongebung aus, glasklar, schnörkellos, schier luftlos, so ist ein Mädchenchor emotionaler, weicher, luftiger, durchmischter, denn da finden sich knabenartige, kristalline Stimmen und welche, die mit weiter Kehle und viel Luftbeigabe ihre Töne bilden. Zusammen ergibt das den sympathischen, an"sprechenden" Mädchenklang. Von "sympathisch" würde man bei einem dt. Knabenchor nie sprechen (bei manchen englischen vielleicht schon), da drückt sich keine Verfänglichkeit in der Stimme aus (die alten Kirchenherren wussten, warum sie die sinnlicheren Frauenstimmen aus der Kirche verbannten). Die Knabenstimme liefert den reinen Ton.
Die Unterschiedlichkeit ist wertvoll. So ist Bachs "Singet dem Herrn..." mit Mädchenstimmen fehlbesetzt, weil nicht nüchtern genug. Andererseits aber Schumann- und Brahmslieder von Knabenchören gesungen: seelenlos. Oder Brahms' Motette "Warum ist das Licht gegeben..." von Knaben gesungen: Man glaubt ihnen nicht die Pein, von der sie singen. Das gilt auch für romantische Rheinberger und Mendelssohn-Bartholdy-Stücke: sie klingen, von Mädchen gesungen, einfühlsamer und authentischer.
Das bedenkend, kann man nur sagen: Die Doppel-CD der Wernigeroder Mädchen ist wunderbar gelungen! Die Mädchen intonieren sauber, sie arbeiten Dramatik heraus, sie artikulieren verständlich... Zum kunstvollen Klangbild tragen auch die choreigenen Solostimmen ("Laudate pueri") F.Land, J. Claus und N. Poppendieck bei, die der reine Genuss sind. Manchmal wünschte ich mir die begleitende Orgel zurückhaltender, manchmal ist sie es in sensibler Weise.
Im Moment gibt es keinen besseren Mädchenchor in Deutschland als diesen.