Ich vermute, dass eine Kamera dieser Preisklasse zwei Gruppen von Kunden ansprechen soll: Einerseits die DSLR-Besitzer, die noch eine Kompaktkamera für leichtes Gepäck suchen, ohne dabei völlig ins tiefste Point-and-Shoot-Feeling abzusacken und bereit sind, dafür eine recht ansehnliche Summe auszugeben und andererseits jene, denen die üblichen DSLRs zu gross sind und ausschöpfen möchten, was an Bildqualität in der Kompaktklasse maximal machbar ist.
Ich zähle mich zur ersten Gruppe und meiner Ansicht nach wird genau dieser Auch-DSLR-Kundenkreis mit der G11 sehr gut bedient:
- tatsächlich noch knapp Hosentaschenformat und trotzdem einigermassen griffig, eingebaute Objektivabdeckung, mit den Einstellrädern noch ein wenig DSLR-Feeling
- Sehr gute und äusserst effiziente manuelle Einstellmöglicheiten, RAW-Aufnahme, Blitz, Fernauslöser, Bracketing, manuelle Blitzsteuerung, AEL-Taste etc.
- Ein Belichtungskorrektur-Wählrad, wie man es gerade bei Canon schon ewig nicht mehr gesehen hat, gute AF-Assist-Leuchte
- Bildqualität in JPEG bei ISO80 zwar bereits leicht aufbereitet, aber gar nicht so wahnsinnig weit von den DSLR entfernt, bis ISO200 für eingefleischte Amateure wahrscheinlich noch knapp akzeptabel, darüber allzu deutlicher Rauschunterdrückungsangriff auf die Bilddetails (aber natürlich immernoch freundlicher als an jeder anderen Kompakten)
- Der (mutige) Rückschritt auf 10MPix und das ISO-Wählrad, mit welchem man gefordert ist, die Bildqualität bei vollem Bewusstsein abzuwürgen, zeigen klar Canon's Erwartungen an das Know-How hinter der Kamera - m.E. hätte man bei dieser Sensorgrösse und der Zielgruppe sogar wieder auf 8 oder 6 MPix heruntergehen sollen - aber das würde derzeit wohl jede Marketing-Abteilung überfordern
- An der G11 jetzt wieder mit dem Klappdisplay ein Mehrwert gegenüber jenen DSLR, die diesen Luxus nicht aufweisen
- Eingebautes, zuschaltbares Graufilter ND8 und bis zu 1/4000 Sekunde Belichtungszeit
- sehr wirksamer Bildstabilisator
Da ich ansonsten mit Sony und Nikon-DSLR fotografiere, war die Canon G11 ein wenig Bedienungsneuland - nach meiner persönlichen Erfahrung denke ich aber, dass auch viele andere DSLR-Nutzer fremder Marken schnell mit der kleinen Canon klarkommen würden. Da gibt es das eine oder andere nette Goodie, das dem Fotografen die Arbeit leichter von der Hand gehen lässt, z.B. die beiden vorkonfigurierbaren, umschaltbaren Display-Modes - solche Kleinigkeiten machen die G11 auf Anhieb sympathisch.
Als Vertreter der Auch-DSLR-Käufergruppe kann ich sagen, dass die G11 die oben erläuterten Erwartungen für mich erfüllt hat und ich mit dem wertig verarbeiteten Stück sehr zufrieden bin und sie für den Leichtgepäck-Einsatz uneingeschränkt weiterempfehlen kann - aber eben im Wissen, dass da eine DSLR für alle Spezialaufgaben im Schrank bereit liegt. Die Bildqualität ist für eine Kompakte erstaunlich gut, zwar auch bei ISO80 nicht auf DSLR-Niveau aber doch schon sehr interessant nahe. Das voll-elektrische Objektiv der G11 ist sicher nicht das billigste, mechanisch überzeugend und optisch sehr OK, aber es hat, wie zu erwarten ist, schon die eine oder andere Schwäche, wie etwas CA's und eher mässige Schärfe am Bildrand z.B. in Weitwinkelstellung - aber eben, es zeige mir einer etwas besseres, was dabei auch noch in die Hosentasche passt.
Die zweite Käufergruppe, welcher die DSLRs grundsätzlich zu schwer sind und die in der Kompaktklasse alleinige Erfüllung suchen, sei jedoch sehr deutlich gewarnt: selbst eine billige digitale Spiegelreflexkamera in der Preisklasse der G11 kann mit Zubehör aufgerüstet werden und leistet dann vieles, was eine G11 gar nie oder nur so halbrichtig kann:
Makro: an der Spiegelreflex mit entsprechenden Objektiven sehr flexibel möglich, mit der G11 im Makro-Modus zwar von Haus aus bis ca. 1:1 (KB-Format) möglich - jedoch nur in der Weitwinkelstellung bei 1cm Frontlinsenabstand - da flüchten sogar die Ameisen, wenn sie vor lauter Schatten überhaupt den Weg finden!
Weitwinkel: Wirklich weitwinklig ist die G11 nicht und einen Weitwinkelvorsatz von Canon gibts auch nicht
Optischer Sucher: an einer DSLR das A&O, an der G11 eigentlich unbrauchbar: starke Abweichung zwischen Sucherinhalt und Bild und ohne jegliche Info-Anzeige (ausser zwei Lämpchen)
Belichtung: Hier hat man den Eindruck, die G11 sei absichtlich "verkrüppelt" worden: längste automatische Belichtungszeit 1 Sekunde, längste manuelle Belichtungszeit 15 Sekunden, kein Bulb (obwohl die Langzeitaufnahmen bei ISO80/15 Sekunden sehr ansprechend sind und Neugier für länger wecken!)
Also, falls nicht schon eine DSLR im Schrank liegt, sollte man sich genau überlegen, ob die vergleichsweise teure G11 tatsächlich die richtige Wahl ist oder man einfach nie erfahren würde, was man gegenüber einer DSLR alles verpasst !
Ach, und falls jemand aus der Canon-Entwicklungsabteilung dies hier lesen sollte: Bitte stellt ein paar fantasievollere Usability-Tester an oder schickt mir ein Handbuch, falls ich was nicht richtig verstanden habe - einige Funktionen hat man bei der Konkurrenz (Sony und Nikon...) schon mal viel besser gesehen - schon nach einem Tag hat man eine rechte Liste beisammen:
- Keine Anzeige für ausgeschalteten Bildstabilisator
- Keine Obergrenze für ISO-Auto einstellbar - die Kamera wählt dann schnell mal ungefragt bis ISO 800 - Autsch bei der Bildqualität
- Auch die Verwacklungswarnung und speziell der Programm-Modus sind übervorsichtig konfiguriert, die Kamera geht trotz Bildstabilisator erst auf ISO800 bevor sie selbst in Weitwinkelstellung länger als 1/60 belichtet (mich persönlich störts nicht, fotografiere eh immer im AV-Mode und manuelles ISO)
- Der Auslöser gehört eindeutig an die Vorderseite der Kamera und nicht obendrauf , am besten in die Kleine Mulde des vorderen Griffes
- Der Halter für den Tragriemen ist absolut unpassend positioniert - wegen der Anordnung des Auslösers ist er beim Bedienen der Kamera immer irgendwie im Weg - aus dem gleichen Grunde ist auch keine der chinesischen DSLR-Handschlaufen für die G11 geeignet - ich habe mir einfach ein Handgelenkriemchen von einer anderen billigen Kompaktkamera geliehen, das ist am wenigsten im Weg und verhindert im Zweifelsfall auch den Aufschlag der Kamera auf dem Boden - legt doch einfach noch so ein 1$-Riemchen dazu !
- Der Bild-Review nach der Aufnahme ermöglicht kein direktes Zoomen des Bildes - es muss immer erst was gedrückt werden, z.B. Set - wieso eigentlich?
- Wurde die AEL-Messtaste mal gedrückt muss man zwingend ein Bild machen, um zur normalen, automatischen Belichtungsmessung zurückzukehren - das Handbuch behauptet zwar was ganz anderes, nur weiss die Kamerasoftware davon nichts :-)
- Die Auswahlmöglichkeiten für den Custom Button sind sehr begrenzt, eine Menüpositon kann z.B. nicht belegt werden
Kleine Schwächen dieser Art (ausgenommen vielleicht die Positionierung des Auslösers an der Kamera) trüben das Bild aber kaum - solche Macken findet man ja auch bei anderen Marken, deshalb für die Aufgabenstellung: klar 5 Sterne.