Moderne Smartphones sind mittlerweile wahre Alleskönner. Während aber z.B. Navigationsgeräte fast komplett ersetzt werden, haben echte Camcorder noch die Nase vorn, vorausgesetzt, man möchte mehr als kleine Partyfilmchen ins Web hochladen.
Ich filme seit gut 10 Jahren. Meine 2 verwendeten Cams waren dabei auch Modelle von Canon. Angefangen hat es mit der MV400, die noch mit DV-Kassetten arbeitete. Das nächste Modell, die FS100 zeichnete dann schon auf Speicherkarte auf und war deutlich kompakter. Die hier getestete Legria HFR36 bedeutet für mich den Schritt hin zur HD-Filmerei. Anhand von 5 Attributen stelle ich meine Eindrücke des neuen Camcorders vor.
1. Optik, Haptik, Verarbeitung
Die Cam macht einen solide verarbeiteten Eindruck. Das Gewicht liegt mit knapp 300 Gramm auf dem gleichen niedrigen Niveau wie die FS100, damit liegt sie gut in der Hand, ist aber natürlich nichts für die Hosentasche.
Der Korpus ist aus Kunststoff, damit erfahrungsgemäß etwas kratzempfindlich. Wen das stört, der sollte sich eine Tasche zulegen. Bedient wird die Kamera mit der rechten Hand, die hierzu in eine entsprechende Schlaufe gesteckt wird. Linkshänder haben Pech gehabt.
Die Erreichbarkeit des Aufnahmeknopfes finde ich etwas schlechter gelöst, als bei der FS100, der optimale Platz für Bedienknöpfe wäre die Rückseite der Kamera, aber im Gegensatz zur FS100 sitzt dort jetzt der Akku (siehe auch mein hochgeladenes Foto). Das Zoom auf der Oberseite ist aber gut erreichbar.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.
2. Handling
Ja, man kann (nach Laden des Akkus) sofort drauf los filmen. Möchte man allerdings ein hochwertiges Ergebnis erreichen muß man sich zunächst ein bißchen mit der Kamera und der Anleitung beschäftigen. Für erfahrene Benutzer empfehle ich hier mindestens eine halbe Stunde, Neulinge sollten hier schon ein paar Stunden einplanen und vor allem vorher ausprobieren, damit nicht wichtige Filmaufnahmen von Opas 90. Geburtstag nicht so werden, wie sie sollten.
Das Handbuch verwendet hier leider viele Fachbegriffe und setzt grundlegendes Wissen über Dateiformate und Videostandards voraus.
Einmal vertraut läßt sich die Kamera aber hervorragend verwenden. Die Bedienung geschieht dabei wesentlich über einen flotten Touchscreen. Die Aufnahme kann man komplett automatisieren, die Kamera sucht sich dabei immer die passenden Einstellungen heraus. Alternativ läßt sich auch alles manuell einstellen, was allerdings ein gewisses Know-How voraussetzt, um optimale Ergebnisse zu erhalten.
Darüber hinaus gibt es noch verschiedene Kinomodi, die spezielle Szenen optimale wiedergeben sollen, sowie einen Story-Creator-Modus, der ein standardisiertes Drehbuch vorschlägt.
Mich persönlich hat bei alldem der Automatikmodus überzeugt, ohne großes Getue, macht die Cam dabei was sie soll und liefert ordentliche Ergebnisse ab.
Ein Manko ist der manuelle Objektivverschluß. Während meine alte FS100 noch automatisch die Schutzabdeckung des Objektives öffnete und schloß, muß dies jetzt per Hebel manuell gemacht werden. Ist weniger beim Anschalten problematisch, birgt aber die Gefahr, daß man es beim Ausschalten vergißt, und das Objektiv dann beschädigt wird.
Bewertung: 3 von 5 Sternen.
3. Filmen + Fotos
Filme nimmt die HFR36 entweder im MP4- oder im AVCHD-Format auf, und das in verschiedenen Qualitätsstufen.
Getestet auf der jeweils höchsten Qualitätsstufe liefert die Kamera dabei im Automatikmodus eine exzellente Qualität ab. Auch schwierige Bedingungen wie Aufnahmen bei wenig Licht meistert sie mit solidem Ergebnis.
Die Fokussierung geschieht blitzschnell, so daß auch sich schnell bewegende Motive gut erfaßt werden können.
Fotos kann man mit der Cam zwar auch machen, jedoch sollte man keine allzugroße Qualität erwarten. Meine Wahrnehmung liegt die Qualität in einer Klasse mit Fotos vom Iphone. Da Fotografie aber auch nicht der eigentliche Zweck ist, sehe ich darin kein Problem.
Bewertung: 5 von 5 Sternen.
4. Speicher und Anschlüsse
Canon spendiert der HFR36 einen eingebauten Speicher von 8GB, das ist schon ganz ordentlich, und reicht um erst mal auszuprobieren. Wer mehr als eine halbe Stunde filmen möchte sollte sich allerdings eine größere SD-Karte zulegen.
Zum Kopieren auf den PC liegen 2 verschiedene Softwares bei (eine für MP4, eine für AVCHD), allerdings lassen sich die Dateien unter Windows 7 auch einfach im Dateiexplorer kopieren.
Theoretisch kann man die Filme auch auf eine externe Festplatte (ohne dazwischen geschalteten PC) kopieren, allerdings muß diese dann speziell formatiert werden, und es eigenen sich auch nur Festplatten mit eigener Stromversorgung, ein guter Gedanke, aber mit diesen Einschränkungen nicht gut umgesetzt.
Die Cam kann auch via HDMI direkt an den Fernseher angeschlossen werden, ein entsprechendes Kabel liegt sogar bei.
Eine weitere Übertragungsmöglichkeit ist WLAN. Hierbei können Filme kabellos auf den PC oder ein I-Device kopiert werden. Die PC-Variante ist dabei aber für mich, mit WLAN-Erfahrung, aber ohne aktuellen Router mit WPS-Taste, zu kompliziert, getestet habe ich sie nicht.
Die drahtlose Überspielung auf ein IPad per Ad-Hoc Verbindung klappte aber gut. Allerdings könnte die Bedienungsanleitung auch darauf hinweisen, daß man sich eine SSID ausdenken kann, sonst werden einige wohl ewig nach dem richtigen Code suchen. Vom IPad/IPhone kann man den Film dann auf YouTube oder Facebook (siehe mein hochgeladenes Foto) hochladen, NICHT aber in die ICloud.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.
5. Stromverbrauch & Akku
Der mitgelieferte Akku ist die große Achillesferse der Cam. Er hält nämlich bei hoher Qualität gerade einmal eine halbe Stunde. Damit ist die Einsatzmöglichkeit deutlich eingeschränkt. Für mich persönlich ist eine Einsatzdauer von 90 Minuten das Minimum.
Faktisch benötigt man also einen zweiten Akku vom Typ BP-718 oder BP-727. Als Original von Canon muß man hierfür eine Viertel des Camcorderpreises (vgl.
Canon BP-718 Camcorder Akku) hinlegen. Alternativ legt man sich einen Nachbau von zweifelhafter Herkunft und mit ggfs. eingeschränkter Funktionalität (kein Laden in der Cam, keine Akkurestanzeige) zu, z.B.
AKKU LI-ION 1600mAh & LADEGERÄT passend für CANON ersetzt BP718, BP-718 für Legria HF M52, HF M56, HF M506, HF R36, HF R38, HF R306 etc..
Bewertung: 1 von 5 Sternen.
Fazit:
Schade, der schlappe Akku macht das Bild von einem ansonsten sehr ordentlichen Camcorder deutlich schlechter, und zieht die Bewertung deutlich nach unten.
Vielleicht denkt Canon ja mal drüber nach, den Käufern der HFR36 einen Ersatzakkus zum Sonderpreis anzubieten, oder gestaltet entsprechende Bundles.
Gesamtbewertung: 3 von 5 Sternen.