Update 10.5.2013: auch am Vollformat macht sich das Objektiv sehr gut, bei mir ist es die 5D Mark III. Trotzdem setze ich es wegen des zusätzlichen Vergrößerungsfaktors immer noch besonders gerne an der 7D ein.
Alte Rezension:
Nachdem ich mir das neue 100er Makro von Canon geleistet habe, konnte ich es auf einer mehrtägigen Fototour gleich intensiv einsetzen. Vom Falter auf der im Wind leicht schwingenden Blüte bis zur fluchtwilligen Gottesanbeterin boten sich eine Menge harter Testsituationen. Ich habe das 100er an meiner EOS 7D und 50D ausgiebig getestet.
An der 50D macht sich das neue 100er sehr gut. Es ist schlicht ein überragendes Objektiv, an dem optisch alles stimmt - von der knackigen Schärfe bis zum harmonischen Bokeh (Hintergrundunschärfe). Auch das manuelle Fokussieren, das bei echter Makrofotografie immer mal nötig ist, macht mit diesem Objektiv echt Spaß. Der neu entwickelte Stabilisator arbeitet an der 50D bis zu mittleren Entfernungen gut. Bei größeren Annäherungen an das Objekt (d.h. Annäherung an den Abbildungsmaßstab 1:1), also echter Makrofotografie, hat es allerdings wenig Effekt (siehe Fußnote).
Eine vollkommen neue Welt der Makrofotografie erschließt sich, wenn man das neue 100er an die EOS 7D ansetzt und deren intelligenten Autofokus (AI focus AF) aktiviert (siehe auch Fußnote). Bei der 7D mit ihren 19 AF-Sensoren kann man im gewünschten Bildausschnitt praktisch immer den Schärfepunkt an die Stelle setzen, die scharf erscheinen soll. Man muss also schon deswegen weniger manuell arbeiten. Was passiert? Schwankt man nun bei Freihandfotografie auf das Objekt zu oder weg - oder bewegt der Wind das Objekt auf die Kamera zu oder weg (auch mit Stativ oder Bohnensack ein Problem), dann hört man nun, wie der AF der 7D aktiv wird. Wenn diese Wackler nicht zu schnell sind, dann schafft er es erstaunlich gut, die Schärfeebene dort zu halten, wo man sie haben will. Natürlich darf man davon keine Wunder erwarten, aber mit der Kombination dieses Objektivs mit der 7D mache ich erstmals die Erfahrung, dass man diese Technik in der Praxis ernsthaft einsetzen kann. Am besten macht man von jedem Motiv in kritischen Situationen mit flacher Schärfentiefe in schneller Schussfolge ein paar Fotos. Dann hat man gute Chancen, dass eines genau sitzt. Allerdings reagiert der AF der 7D sehr empfindlich darauf, dass man an dem Objektiv den richtigen Entfernungsbereich eingestellt hat (also z.B. 0,3 m - 0,5 m für größte Annäherung). Jedenfalls arbeiten die 7D und das neue 100er so erstklassig zusammen, dass man viel öfter ohne Stativ oder Bohnensack auskommt. Noch ein Pluspunkt ist die hohe optische Auflösung des Objektivs, mit der man die dichtgedrängten 18 Megapixel auf dem kleinen APS-Sensor der 7D wirklich ausnutzen kann (bei genug Licht). Die Detailfülle ist berauschend.
Pluspunkte:
+ top Optik, schon bei offener Blende sehr scharf, Farbsäume (chromatische Aberration) und andere Bildfehler spielen keine Rolle
+ wunderbares Bokeh dank 9-Lamellen-Blende, die Canon nur L-Objektiven spendiert
+ hohe Lichtstärke
+ bis mittlere Annäherung effizientes Stabi
+ im Zusammenspiel mit der EOS 7D sogar echte Freihand-Makros (wenn auch keine Wunder!) möglich
+ sehr gute mechanische Bedienbarkeit, Schärfering nicht zu steil übersetzt
+ wertige Verarbeitung auch der Kunststoffteile
+ als L-Objektiv jetzt auch Staub geschützt (wichtig für den bodennahen Einsatz, wie er typisch für Makros ist)
+ Spritzwasser geschützt dank Gummilippe am Bajonett
+ Preis hoch, aber gerechtfertigt.
Minuspunkte:
- im Vergleich zur Werbeversprechung ist das Stabi nicht wirklich brauchbar bei echten Makro-Distanzen (wenn man eine Kamera mit weniger gutem AF dran hat)
- Canons Objektivdeckel mit seitlichen Griffen sind nicht abnehmbar, wenn man die Gegenlichtblende aufgeschraubt hat (ich empfehle Nachrüsten mit
Kaiser Objektivschutzdeckel "Snap-On", mit Objektivdeckel-Sicherung ø 67 mm)
- Stativschelle wird nicht mitgeliefert (und Canons Nachrüstschelle ist überteuert)
- schon ordentliches Gewicht, mit der 7D kommt man auf grob 1,5 kg in der Hand.
Fazit: In meiner Sammlung ist es definitiv eines der Objektive mit dem größten Spaßfaktor, es lädt zum Herumexperimentieren ein. Eignet sich auch super für die Portraitfotografie.
Alternative: Eine gute Alternative mit anderer Charakteristik für Kameras mit den kleineren APS-Sensoren ist das wesentlich günstigere
Canon EF-S 60mm/ 2,8/ USM Macro Objektiv. Es ist viel billiger, kleiner, leichter, ordentlich verarbeitet und hat ebenfalls einen super Ultraschallantrieb mit manuellem Vollzeiteingriff. Fotografisch erschließt es noch andere Makroregionen, weil es größere Annäherungen bis 9 cm (vom Objektivende gemessen) erlaubt (aber nur bei geduldigen Objekten...). Dafür hat es kein Stabi, braucht also oft eine stabile Unterlage. Im Vergleich zum 100er fällt mir jetzt allerdings noch stärker auf, dass am 60er der Schärfering fast zu steil für manuelles Arbeiten bei geringer Tiefenschärfe ist.
Fußnote: Warum das Stabi des 100ers erst mit der 7D richtig gut wird...
Wer mit dem neuen 100er viel fotografiert, merkt in der Praxis, dass das neue Stabi zwar sehr gut ist. Aber ausgerechnet in den echten Makrosituationen bei großer Annäherung an das Objekt mit flacher Schärfentiefe kann es nicht halten, was Canons Werbung verspricht. Das liegt daran, dass das "IS" Drehbewegungen und Verwackler der Kamera in der Ebene senkrecht zur gedachten Linie zwischen Objektiv und Objekt ausgleicht. Bewegungen zum Objekt hin und davon weg kann es nicht ausgleichen, es arbeitet also eher "zweidimensional". Ausgerechnet dieses Schwanken der Entfernug macht aber Makrofotografinnen und -fotografen oft genug das Leben schwer. Erst eine Kamera mit einer wirklich effizient funktionierenden dreidimensionalen Objektverfolgung kann diesen Schwachpunkt teilweise ausgleichen. Die EOS 7D ist von den Kameras, die ich gut kenne, die erste, die das in der Praxis überraschend oft hinkriegt (aber nur bei langsamen Schankungen).