Pressestimmen
Optimismus, in Scherben
Und ewig lockt «Candide»
Ob es in Frankreich, in England oder in Deutschland (es könnte auch heissen: in Amerika, in Holland, in der Schweiz) mehr Tollhäusler gebe, das ist zum einen eine schwer zu entscheidende, zum andern aber eine Frage von bleibender Aktualität. Gestellt wird sie im Januar 1759 von einem Martin alias Doktor Ralph alias Voltaire, im dreiundzwanzigsten Kapitel eines Traktats, der sich der Form nach als Märchen gibt, dem Inhalt nach freilich zu den Glanzstücken menschlicher Desillusionierung gehört. Natürlich, «Candide». Keine Fussnote, kein Syllogismus, kein korrekter Beweis; stattdessen Übertreibung, wahnwitzige Behauptung, surreale Ereignisse sonder Zahl kaum je hat ein Buch, das sich so ganz und gar nicht an die steifen Usanzen der philosophischen Gemeinde hielt, die nämliche Gemeinde so im Mark treffen können wie eben der «Candide». Voltaire führt hier eine neue Textsorte, den conte philosophique, zu einem ersten literarischen Höhepunkt. Dass einzelne Episoden dieses philosophischen Märchens aus der ehernen Realität genommen sind die von höchst christlichen Königen abgesegneten Bestialitäten des Siebenjährigen Krieges, Sklavenhaltung und Menschenhandel in den Kolonien , das macht das Buch zu einem gefährlichen Druckwerk (und nicht etwa der kleine Nebenschauplatz, wo gelehrte deutsche Pedanten, zumal die Anhänger «zureichender Gründe» und «prästabilierter Harmonien», eine sanfte Abreibung erhalten). Da nützte es auch nichts, dass Voltaire das kleine Werk wohlweislich im Schutz der Anonymität erscheinen liess; in Genf und in Paris, in Leipzig und in Rom sowieso (nicht aber in Preussen) wird das Buch postwendend verboten, und ebenso postwendend steigt die Nachfrage und mit ihr die Auflagenzahl. Bis 1789, so hat die Rezeptionsforschung gezählt, sind 48 Ausgaben erschienen. Nur Rousseaus «Nouvelle Héloïse» konnte da noch mithalten. Candide, man muss es vor Augen haben, ist gebürtiger Westfale, auch wenn sein geistiger Vater Franzose ist. Vermag man sich einmal von jenem Säurebad zu lösen, durch das Voltaire den aufklärerischen Optimismus zieht, so erzählen die dreissig Kurzkapitel allerhand Diplomatisches und weniger Diplomatisches über das historisch gespannte Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. So etwa stammt die schöne, etwas füllige Kunigunde (wir dürfen sie wohl mit Fug als Helena des Dixhuitième rubrizieren) aus dem westfälischen Damenflor, und dass sie zur Betonung ihrer Reize keinerlei französischen Zierrats bedarf, mag damit zu tun haben, dass Voltaire just 1758 in Genf Besuch erhielt von der Gräfin Bentinck, einer in der Tat real existierenden «Westphalienne». Auch sonst ist die Ironisierung der Leibniz'schen Philosophie nur eines unter vielen «deutschen» Attributen des kleinen Buchs. Die militärischen Tugenden, die Anwerbemethoden der «bulgarischen» alias preussischen Armee, das in Preussen beliebte «Spiessrutenlaufen», das Gardemass der Langen Kerls, schliesslich der gnädige Bulgarenkönig, der Candide vor der standgerichtlichen Erschiessung bewahrt: All das sind gleichsam Restanzen jener völkerkundlichen Studien, die Voltaire während seines Aufenthalts am Hof Friedrichs des Grossen betrieben hatte. 1761 ist die erste deutsche Übersetzung erschienen, 1778, als Beigabe zur Mylius'schen Übertragung, ätzt Chodowiecki den sprichwörtlichen Ahnenstolz der deutschen Kleinstfürstentümer auch noch in Kupfer, was freilich nicht heisst, dass man in Deutschland den Frosch geschluckt hatte, schliesslich hatte Gottsched früh schon den Generalverriss instrumentiert: Die «unordentliche Einbildungskraft» war noch das mindeste, was er Voltaire vorwarf. In der Zwischenzeit freilich sind die gallogermanischen Missklänge kandiert, will sagen: in Zucker gelegt worden. Ja es soll neuerdings gar Leute geben, die in Voltaires Figur des Pococurante einen kühnen Vorausblick auf die globale Konsumtristesse der Managerklasse im einundzwanzigsten Jahrhundert zu sehen in der Lage sind. Zu überprüfen wäre die These anhand der jüngsten, eben im Hanser-Verlag erschienenen «Candide»-Übersetzung aus der instruierten Feder von Wolfgang Tschöke. Und notabene (da ist doch etwas Optimismus angesagt) ist es löblich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen eine verquere teutonische Ästhetik davon ausging, dem deutschen Publikum sei der Baron von Thunder-ten-tronckh nur als Baron von Donnerstrauch näherzubringen. Ursula Pia Jauch Voltaire: Candide oder der Optimismus. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Tschöke. Carl-Hanser-Verlag, München 2002. 152 S., Fr. 29.. --
Neue Zürcher Zeitung
Rezension
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Candide
OT Candide ou Loptimisme OA 1759 DE 1776Form Roman Epoche Aufklärung
In seinem philosophischen Roman Candide oder Der Optimismus kehrt Voltaire die von Gottfried Wilhelm R Leibniz aufgestellte These von »dieser Welt als der besten aller möglichen« ins Ironische um, indem er die Welt als eine in sich fragwürdige Konstruktion darstellt. Der Roman ist eines der wichtigsten Werke der französischen Aufklärung.
Entstehung: Voltaires Grundüberzeugungen von einer vernünftigen Einrichtung der Welt waren durch die Beendigung seiner Freundschaft mit König Friedrich II. von Preußen (171286), durch Berichte über den Siebenjährigen Krieg (175663) sowie durch das Erdbeben von Lissabon (1755) erschüttert worden. Seine daraus entstehenden Zweifel an einem optimistischen Weltbild der Metaphysik nahm Voltaire zum Anlass, diese in einem Roman auszudrücken.
Inhalt: Candide (von latein. canditus, aufrichtig), ein neugieriger Beobachter der Geschehnisse seiner Zeit, sieht sich mit den Lebensanschauungen seines Lehrers, Maître Pangloss, konfrontiert, die besagt, dass alles, was in der Welt passiere, den Menschen nur zum Besten gereiche, auch die Katastrophen.
Die Suche nach seiner geliebten Cunégonde führt Candide quer durch Europa, über Südamerika nach Portugal, wo er das Erdbeben von Lissabon miterlebt. Schließlich trifft er Cunégonde wieder: Sie wurde aus ihrer Heimat vertrieben, von Soldaten geschändet und befindet sich unter der Kontrolle eines Großinquisitors sowie eines Juden. Um weiteres Unheil zu verhindern, bringt Candide beide Gegner um. Immer wieder begegnet er seiner Geliebten, er gerät in die Hände von Kannibalen und Seeräubern, kann sich aber beide Male befreien.
Als Candide den Gelehrten Martin trifft, erklärt ihm dieser, dass in der Welt nicht alles aufs Beste ausgerichtet sei, sondern dass neben einem guten auch ein böses Prinzip existiere. In Venedig versucht der Edelmann Pococurante dem lernbegierigen Candide zu vermitteln, die einzige Freude in dieser Welt sei zu akzeptieren, dass man an nichts Freude finden könne.
Zuletzt gelangt Candide nach Konstantinopel, wo er Cunégonde wieder begegnet und die inzwischen zur Xanthippe Gewordene heiratet. Nach dem Erwerb eines kleinen Landgutes entdeckt er eine befriedigende Beschäftigung darin, »seinen Garten zu bestellen«.
Aufbau: Voltaires Roman weist viele Elemente des Barockromans auf: Schiffbruch, Trennung und Wiederbegegnung der Liebenden, Katastrophen, Erkundung fremder Länder etc. Diese werden episodenartig miteinander verwoben, sodass Candide Schritt für Schritt zu der Einsicht gelangt, dass die Lehren seines Lehrers Pangloss nicht aufrecht zu erhalten sind.
Hinter zahlreichen satirischen Elementen, die sich vordergründig zu einer humoristischen Erzählung fügen, verbirgt sich zum einen die nachdrückliche Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit; zum anderen wird auf diese Weise der Sinn des Lebens bzw. die Existenz eines alles zum Guten lenkenden Gottes angezweifelt. Die wirkliche Welt bringt Candide dazu, die theoretische Welt, die Welt der Ideale zu ignorieren.
Die Episodenhaftigkeit des Romans beruht nicht nur auf einzelnen Motiven, sondern auch auf einer Vielzahl an geschilderten Utopien und Lehren, die darin münden, dass die tägliche Arbeit die beste Möglichkeit darstellt, das Leben in seiner Komplexität zu bewältigen.
Wirkung: Candide war Vorbild für Werke verschiedenster Kunstrichtungen. Er eignete sich für Parodien und für Gegenschriften, so etwa der Anti-Candide von Justus Möser (172094).
Der französische Komponist Jean-Benjamin de La Borde (173494) schrieb 1768 eine Oper mit dem Titel Candide. Im 20. Jahrhundert bildet Leonard Bernsteins (191890) Candide-Musical (1956) einen der Höhepunkte der modernen Candide-Rezeption. In den 1960er Jahren begann sich auch der Film für den Stoff zu interessieren. In der Malerei war es Paul Klee (18791940), den Voltaires Roman zu zahlreichen Illustrationen inspirierte. C. V.