Voltaires bekanntestes und wichtigstes Werk entstand als Reaktion auf das Lissaboner Erdbeben von 1755, das Zehntausende Opfer forderte, und die infolge dessen aufkommenden Zweifel über Gott, Kirche und nicht zuletzt die damals sehr weit verbreitete Theorie aus der Schule Leibniz', die besagt, daß diese unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist, daß alles so wie es ist eben auch gut ist.
Voltaire, dem diese höchst optimistische Weltanschauung zuwider war, nahm sich ihrer mit seinem Roman "Candid" an, übersteigert sie, konfrontiert sie mit der wirklichen Welt und zeigt so schonungslos und doch immer amüsant und klug ihre Grenzen auf.
Candid, der titelgebende "Held" des Romans, ist naiv, gutgläubig, erzogen im Hause eines Barons, unterrichtet von Pangloß, dem "größten Philosophen des Landes", einem Verfechter der "beste aller Welten"-Theorie.
Nach einem Kuss mit der schönen Kunigunde wirft man Candid hinaus. Aller Reichtümer, seiner Unterkunft und jeglicher Nahrung beraubt, zieht er gezwungenermaßen in die Welt hinaus. Sein Ziel ist klar: Kunigunde wiederfinden.
Es folgt eine Odyssey, durch halb Europa, bis hinein in die arabischen Länder. Voltaire setzt seinen Figuren hierbei sehr zu. Nahezu jedes Leid, jedes Unglück, das einem zustoßen kann, widerfährt im Laufe der Handlung Candid, Kunigunde, Pangloß und all den anderen. Sie erleben die Welt, wie sie wirklich ist, fernab aller Utopien wie sie Pangloß beschwört. Die Menschen, auf die sie treffen, sind Mörder, Vergewaltiger, Diebe und Strolche, nahezu alle moralisch verkommen.
Zum Ende hin kommen Candid erhebliche Zweifel an der besten aller Welten, und selbst Pangloß, inzwischen eines Auges und Ohres beraubt, verbrannt, gehenkt, bei lebendigem Laib seziert und wieder von den Toten auferstanden, fehlen die Worte.
Was sich nach schwerer Kost anhört, ist stattdessen immer höchst unterhaltsam und amüsant. Voltaire verdeutlicht die Absurdität der Welt, des Menschseins, der besten aller möglichen Welten gekonnt mithilfe von grandioser Satire und scharfer Beobachtungsgabe. Die Geschichte ist bitterböse, oft makaber, und doch immer unglaublich komisch. Man schämt sich fast, angesichts der brutalen und tragischen Handlung, und muss doch ständig auflachen, so dumm ist das alles, vor allem das gelungene Ende.
"Aber zu welchem Zweck ist die Welt geschaffen worden?" fragte Candid. "Um uns rasend zu machen", antwortete Martin.