Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 14.10.2003
Der Band hält nicht, was die Verlagswerbung verspricht, stellt Oliver Pfohlmann fest. Versprochen wurden Fragmente des großen Romans, an dem W.G. Sebald zum Zeitpunkt seines Todes vor anderthalb Jahren arbeitete, informiert Pfohlmann, stattdessen enthält der Band im ersten Teil die (bereits verstreut publizierten) Entwürfe zu einem Buch über Korsika, ein Projekt, das Sebald 1996 bereits aufgegeben habe. Dennoch sei ihre Publizierung begrüßenswert, meint der Rezensent, auch wenn sie sich nicht zu einem Ganzen fügen wollten. Diese Texte Sebalds lesen sich wie "letzte Grüße an seine Leser", schreibt Pfohlmann, zumal sie sich teilweise mit den Begräbnisritualen der Korsen befassen. Im zweiten Teil des Bandes kommt dann der Germanist Sebald mit verschiedenen Reden, Vorträgen, Rezensionen und Essays zur Sprache. Vor allem aber in seiner "empathischen" Auseinandersetzung mit Autoren wie Peter Handke, Alexander Kluge, Wolfgang Hildesheimer oder Jean Amery nähme die Sebaldsche "dokumentarische" Ästhetik Gestalt an, die von vornherein um die Themen Trauer, Erinnerung, Zerstörung kreiste, so Pfohlmann. Auch hier käme der "unverwechselbare Sebald-Sound" zum Klingen, der die Grenze zwischen Literatur und Wissenschaft so unnachahmlich aufhebe, was eben nicht nur für Sebalds Prosa, sondern auch für seine literaturwissenschaftlichen Texte gelte, schwärmt Pfohlmann.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 11.10.2003
Burkhard Müller ist sehr beeindruckt von W. G. Sebalds nachgelassenen Schriften: Dies ist kein sprachlicher "Sperrmüll", wie es sonst so oft bei nachgelassenen Schriften der Fall sei, erklärt Müller. Er hat hier vielmehr kluge, aufschlussreiche Texte gefunden, die ihm sogar die Idee einer "wahren Traditionslinie der Einzelnen" - in etwa: Weiss, Sebald, Kluge und hoffentlich Folgende - eingegeben haben, gegen die "fortdauernde Dominanz der Gruppe 47". Der Grund dafür ist, dass sich Sebald in seinen Essays, die neben Reisestücken über Korsika und vor allem über den dortigen Totenkult dieses Buch füllen, sehr stark mit der deutschen Nachkriegsliteratur auseinandersetzt und den Mangel an wirklicher, ehrlicher Erinnerung beklagt. Diejenigen, die es doch getan haben (Sebalds Beispiele: Weiss, Améry, Hildesheimer), die "Entflohenen und irreparabel Beschädigten", mögen dabei auch von Ressentiments geprägt gewesen sein, doch seien ihre Werke für Sebald einem wirklichen Ringen mit der Vergangenheit entsprungen - im Gegensatz zu "einer leichtfertigen Verallgemeinerung, einer billigen Abfuhr der Katastrophe" deren er Böll und vor allem Grass bezichtige, dessen "Denkfaulheit" und so wohlfeile wie selbstgerechte "Gedenkerei" er ausführlich darlege. Müller stimmt ihm von Herzen zu und lobt den "gewissenhaften Ernst", die "knappe Schärfe" der Sebald'schen Gedanken.
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