10 Jahre Black Keys: das sind 8 Longplayer, dazu zwei Projektplatten: die famose Blakroc (2009) und die Solo-LP von Dan Auerbach (2009). El Camino heißt sie, diese achte LP der beiden Herren. Hmmmmmmmmmmm...
Wenn alles jubiliert, treppauf treppab, und man sich trotzdem dafür nicht erwärmen kann, sagt man im Angloamerikanischen gern mal: "I'm not buying." Das kann ich mir schon nicht mehr leisten, denn das Vinyl - im Klappcover mit geschmackvollem Nonsense strotzend, also Poster, etc. pp. - steht und dreht sich schon bei mir. The Black Keys klingen auf ihrem neuen Album so vielseitig und versiert wie nie zuvor - nur eben kaum nochmal nach den Black Keys. Ganz klar eine Platte für alle, die Glamrock sonst verabscheuen, und sich hier dank Hipster-Produzent Danger Mouse so richtig dran berauschen dürfen: Gary Glitter, Slade, Mud, Phillysound, Power Pop und frühes Disco-Zeug standen Pate für diesen 76er Hipster-Cocktail mit Sound-Gimmicks aus der Sampling-Wundertüte, dass es nur so fiept und zischt und rauscht. Alles sehr, sehr verführerisch, hinreißend clever inszeniert, noch siedend heiß vom Datastick ins Feuilleton und die - lieben es! Jaha, von der Zeit, vom Spiegel, der Frankfurter Allgemeinen, etc. pp. hagelt es nur beste Kritiken, die Welt (der "Hochkultur") ist schier begeistert von dieser Melange aus retrospektiver Populärkultur mit ach so tiefen Wurzeln und barocken Blüten.
Nur kriege ich davon Blähungen. Komisch! Woran liegt's? Ganz einfach: War Brothers (2010) noch eine exakt bemessene Gratwanderung, die Danger Mouse in der Produzentenrolle beließ, steht er jetzt ganz am Ruder, dieser so schillernd moderne Produzenten-Derwisch - vor 15, 20 Jahren hieß er Moby, vor 30 Brian Eno, vor (über) 40 war's Phil Spector. El Camino ist ein Kunstprodukt von einer Band, die vor zehn Jahren böse bärtig, fettig, dreckig für das Gegenteil dieser Hipster-Schaustellerei einstand und sich mit dem Produkt El Camino - clever: logisch, subtil, ja schon, und sogar stilsicher! - darin verloren hat. Ich hasse sie deswegen nicht, finde die Musik keinesfalls richtig schlecht oder übel, gebe schon gar nicht die Hoffnung auf, dass sie sich nochmals berappeln, doch... schade ist es allemal.
So werde ich den Verdacht nicht los, dass wir in über zwanzig Jahren auf dieses Produkt zurückblicken wie heute auf Speaking In Tongues (1983) von den Talking Heads oder Big Science (1982) von Laurie Anderson. Das waren damals die Sensationen der Feuilletons, ob apolitisch oder deutlich links, die Musik für den radikal-individualistischen Akademiker mit Nietengürtel und Ray Ban. Darüber schrieb alle Welt, das hörte jeder, das lief überall, das waren die Standards gehobenen Alltagserlebens schlechthin, die Speerspitzen hyperclever inszenierter Gegenkultur - äh, und heute? Kennt das überhaupt irgend jemand unter Vierzig? Erinnert sich wirklich noch eine verlorene Seele, wenn sie diese Dinger in den Ramschkisten der Second-Hand-Läden routiniert überblättert, an einen einzigen signifikanten Song, eine einzige relevante Textzeile? Nicht dass ich wüsste. Und so geht es mir dieser Tage mit den Black Keys. El Camino ist auf unheimliche Weise bloß ein sahnedickes Schaumkrönchen dieser Zeit - von Leuten, die schon mehr zu bieten hatten. Deshalb: Schade.