Sprechen kann doch jeder, also kann auch jeder frei von der Leber weg drüber mitreden... Dass dem nicht so ist, merkt man spätestens, wenn man kopfschüttelnd so manchen selbsternannten Spezialisten lauscht. Also eine weitere Frage: Wozu eine "Enzyklopädie der Sprache" von beeindruckendem Umfang und Gewicht und in nicht minder beeindruckender Aufmachung? Wozu also all diese Kapitel über all diese Aspekte der Sprachwissenschaft, über die Theorie und Praxis der Sprache? Der Leser wird sich's bereits denken: Das sind rhetorische Fragen. David Crystals nicht nur physisch, sondern auch in ihrem Inhalt schwergewichtige "Cambridge Enzyklopädie der Sprache" ist nämlich wahrlich keine akademische Spielerei.
In Kürze: Der sachkundig aus dem Englischen übersetzte Klassiker ist nicht nur fürs Wissenschaftlervolk interessant, sondern auch für den interessanten Laien (Gute Übersetzer soll man nennen; hier sind das: Stefan Röhrich, Ariane Böckler, Manfred Jansen). Die Artikel sind ganz nach Art angelsächsischer wissenschaftlicher Tradition bei aller Wissensfülle verständlich formuliert; die Lektüre erfordert vom Leser nichts als Interesse und einen halben Quadratmeter freigeschaufelten Schreibtisch.
Was das Interesse betrifft, so umfasst der Begriff "Sprache" mehr, als man im ersten Moment denkt: Ist damit nun die einzelne Sprache gemeint, etwa das Deutsche oder das Ungarische; ist damit ein Zeichensystem gemeint, das irgendwie irgendeiner Kommunikation dienen soll? Es kommt noch dicker: Sprachen sind nicht einfach irgendwie zusammengewurschtelte Wörter (wobei es alles andere als trivial ist zu fragen, was denn eigentlich ein Wort ist und wodurch es vom nächsten Wort abgegrenzt wird), sondern ihre Sprecher tun das nach bestimmten Regeln, die dermaßen ausgefuchst sind, dass schon ihre Grundlagen jeden Computer die Haare raufen ließen, hätten sie denn welche. Aber jedes kleine Kind hat diese Fieselei mühelos im Griff, ohne lange drüber nachdenken zu müssen... Diese Gehirne aber auch mit ihren Synapsen und Sprachzentren!
Überhaupt: Wo hört das Gegrummel auf, und wo beginnt das Sprechen? Es gibt mehr bedeutungsrelevante Kriterien, nach denen bereits Laute unterschieden werden können, als wir dumme Sprecher einer indoeuropäischen Sprache uns das so vorstellen können.
Weiter im Text: Im Gegensatz zu Herrn Lohse beim Einkaufen haben wir da von Sprache zu Sprache nicht nur zwei Möglichkeiten, um einen banalen Sachverhalt auszudrücken, sondern fast ebenso viele Möglichkeiten, wie es Sprachen gibt... Und wieviele Sprachen gibt es? Und wo hört die Sprache auf, und wo fängt der Dialekt an? (Merke: "a schprach is a dialekt mit an armej un flot" -- Max Weinreich)... Was die eine Sprache mit schwindelerregender Wortakrobatik ausdrückt, erledigt die andere mit einem grammatischem Kuriositätenkabinett (schau sich mal einer an, wie kurios das Deutsche ist!), und wieder die nächste unterscheidet z.B. streng in der Verbform, ob die Oma spricht, oder der Opa, oder die Tante Waltraud... Und so weiter. Es gibt da nichts, was es nicht gibt. Kein Wunder, dass Sprache identitätsstiftend ist, oder dass Sprachpolitik ebenso ein Volk erst definieren bzw. sogar erfinden kann, ebenso wie sie es auch verschwinden lassen kann.
Schriftlich festhalten oder sonstwie verewigen lässt sich Sprache ja auch noch, und zwar auf mehr Arten und mit mehr Konsequenzen, als man sich das im ersten Moment ausmalen kann. Und da Sprechen und Verstehen und Schreiben und Lesen ohne ein halbwegs funktionstüchtiges Gehirn nicht möglich ist, kommt auch gleich noch die Neurologie ins Spiel, natürlich auch die zugehörige Pathologie.
All diese und noch viele weitere Aspekte -- man halte da nichts für unmöglich! -- lassen sich obendrein nicht sauber auseinanderhalten; die Schubladen haben zahlreiche Unterabteilungen, die Expeditionen ins Schubladen-Universum haben ihre Pioniere und ihre Forschungsgeschichte samt dahinter steckender Weltanschauung... Natürlich haben sich da auch unausrottbare Mythen und Legenden ausgebreitet, etwa die über die x Bezeichnungen der Inuit für "Schnee", die Überlegenheit mancher Sprachen über andere... Auch im Sprachenuniversum robuster Unfug, wohin man nicht schaut. Gut, wenn man nach der Lektüre dieser Enzyklopädie nachvollziehen kann, wie er aufkommen konnte.
Aber nicht erschrecken: In Crystals "Cambridge Enzyklopädie der Sprache" wird das Thema "Sprache" nach den wichtigsten Aspekten sachkundig und obendrein gut lesbar aufbereitet in den jeweils nochmals sinnvoll untergliederten Kapiteln
Landläufige Ansichten über Sprache
Sprache und Identität
Struktur der Sprache
Sprechen und Sprache
Schreiben und Lesen
Gebärden und Sehen
Kindlicher Spracherwerb
Sprache, Gehirn und Sprachstörungen
Die Sprachen der Welt
Sprache in der Welt
Sprache und Kommunikation
Gesondert hervorgehoben werden sollte der Anhang, der weit übers Branchenübliche hinausgeht. Vor allem das Glossar beweist, dass sich Sachkunde und Verständlichkeit sehr wohl verbinden lassen. Die tabellarische Übersicht über die Sprachen der Welt ist ganz einfach eine Fundgrube nicht nur für Sprachfexe; das thematisch gegliederte Literaturverzeichnis enthält, soweit zumindest ich das beurteilen kann, oft noch einiges mehr als die Standardwerke; das Register ist sinnvollerweise in Sprach-, Namen- und Sachregister unterteilt.
Sieht jedenfalls ganz nach einem Sprachen-Augiasstall aus, was David Crystal da vorfand, als er ans Verfassen der Cambridge-Enzyklopädie ging. Da seine Enzyklopädie aber umwerfend aussieht, und zwar nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich, haben wir's hier ganz klar mit einem Herakles der Sprachwissenschaft zu tun, der obendrein einen guten Tag (bzw. viele gute Tage) hatte.
Ich behaupte ganz frech, dass auch Leser, die zunächst nur am Rande interessiert sind, bereits beim ersten Durchblättern irgendwo hängenbleiben und weiterlesen. Nicht, dass sie dann gleich die ganze Enzyklopädie durcharbeiten; das ist eh nicht Sinn der Sache. Aber so ab und an reinschauen und irgendwo hängenbleiben, soviel wage ich zu behaupten, das werden die meisten.