Im Rock-Business der Stars und Sternchen fristete Rory Gallagher im Grunde Zeit seiner Karriere ein Außenseiterdasein. Mit dem glamourösen Auftreten und Stargehabe vieler seiner (oft weniger talentierten) Branchenkollegen hatte der Ire so gar nichts am Hut. Blieb ihm wohl auch deshalb eine breite Medienpräsenz und damit der große kommerzielle Erfolg stets versagt, so schaffte er sich mit seinem aufrichtigen, bescheidenen und rundum sympathischen Auftreten doch eine treue und begeisterte Fangemeinde. Bekannt wurde Rory als Gitarrist und Sänger des irischen Rocktrios "Taste" in der zweiten Hälfte der 60er, nach dessen Auflösung im Frühjahr 1971 er eine bis zu seinem Tod im Jahr 1995 andauernde Solokarriere startete. Stilistisch hielt er konsequent an einem grundehrlichen Bluesrock mit unterschiedlichsten Querverweisen fest. Als Gitarrist galt Rory nie als überragender Filigrankünstler. In seinem typischen karierten Holzfällerhemd und mit seiner abgegriffenen Stratocaster wirkte er auf der Bühne vielmehr wie ein (im positivsten Sinne) Rock-Handwerker.
"Calling Card" ist die letzte LP, die Rory mit seiner langjährigen Begleitband mit Rod de'Ath am Schlagzeug, Gerry McAvoy am Bass sowie Lou Martin an den Keyboards einspielte - eine hochklassige und nach langen gemeinsamen Jahren äußerst homogene Formation, welche wahrlich auf einem Höhepunkt endete, denn die Scheibe gehört zweifelsohne zum Besten, was Rory in seiner langen (aber letztlich doch zu kurzen) Karriere auf den Markt brachte. Der prima Opener "Do you read me" mit seinem infektuösen Rhythmus setzt die Spur für das gesamte Album, dessen Songs sich energiegeladen und eingängig zugleich zeigen, wobei eine für Gallagher-Verhältnisse recht große stilistische Bandbreite wie zugleich eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmungslagen abgedeckt wird. Neben geradlinigen Rocknummern wie "Country Mile" oder "Secret Agent" finden sich etwa das an Rory's Debut-LP erinnernde, besinnliche "I'll admit you're gone", der leichtherzig verspielte "Barley and Grape Rag", der funkig angehauchte "Jack-Knife Beat" oder das atmosphärisch überragende, mit einem wunderschönen jazzigen Rhythmus unterlegte Titelstück. Jeder einzelne Song besitzt ein eigenständiges Profil und läßt sich von guten Platten behaupten, sie kämen ohne Durchhänger aus, so jagt auf "Calling Card" ein Höhepunkt den nächsten. Angesichts der schieren Klasse der Original-LP fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die beiden hier als Bonustracks aufgelegten Titel qualitativ etwas abfallen (das geübte Ohr wird übrigens bei "Rue the Day" Spurenelemente des späteren "Signals" vom "Jinx"-Album heraushören).
Mit "Calling Card" hat Rory eine wirklich erstklassige Visitenkarte abgegeben, die seinen Fans sicherlich nicht mehr ans Herz gelegt werden muß. Aber gerade auch für Einsteiger ist dieses Album hervorragend geeignet - obwohl man beim Kauf eines Gallagher-Albums im Grunde ohnehin nichts falsch machen kann. Also: Ab ins eigene Musikregal damit ... und dann nach und nach seine restlichen Veröffentlichungen drum herum platzieren - frei nach dem Motto: Rory's best, buy the rest!