Dr. Jeannette Angell beginnt ihr Buch mit der Äußerung, daß es Männern in ein wohliges Schaudern versetzt, wenn sie vom Thema Prostitution hören. Zweifellos hat dieses Thema etwas Faszinierendes. Sex sells. Angells Buch ist allerdings weder Pornographie noch erotische Literatur, sondern ein Tatsachenbericht. Eines ganz eindeutig sehr subjektiven Berichts, von den drei Jahren, in denen die Autorin tagsüber als College-Lehrerin arbeitete und abends für einen Begleitservice als Callgirl gearbeitet hat. Mehrfach betont Angell, daß die Tätigkeit als Callgirl nicht mit anderen Ausprägungen der Prostitution, etwa dem Straßenstrich der Drogensüchtigen zu vergleichen ist. Gezwungen wurde die Autorin nicht, sie prostituierte sich, um ihre Schulden abzubezahlen. Ihr Freund hatte sie gerade verlassen und ihr gemeinsames Konto geplündert. Auch ihre schlecht bezahlte Teilzeitstelle am College brachte ihr nicht genug Geld ein. Das sind dann zwei Motive, die sich durch das 386-seitige Buch ziehen: Anschaffen um Geld zu verdienen und schlechte Erfahrungen mit Männern. Es liest sich sehr flüssig! Manches ist leider etwas platt, die Beschreibungen des Verkehrs mit den Kunden ist ziemlich vulgär und manche Äußerungen der promovierten Anthropologin wirken erschreckend schlicht, für eine Frau, die ständig ihre überdurchschnittliche Bildung und Intelligenz hervorhebt. Wie gesagt, das Buch ist sehr subjektiv. Was mich trotzdem störte ist, daß ein wesentliches Argument, das gegen die Prostitution spricht, völlig ausgeblendet wird, nämlich die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Die Gefahr sich mit AIDS zu identifizieren wird nicht mal in einem Nebensatz angedeutet. Und das obwohl Jeannette Angell auch über Vergewaltigungen durch ihre Kunden schreibt. Absolut nicht verschwiegen wird die Gefahr des Drogenkonsums, dem die Huren ständig ausgesetzt sind. Sie beschreibt sehr ergreifend und abschreckend den Abstieg einer Kollegin und Freundin, die mit Crack Selbstmord auf Raten verübte und dabei ihr gesamtes Umfeld, inklusive Angell, mit in den Abgrund zog. Die Schilderungen des College-Alltags wechseln sich mit den Erlebnissen als Hure ab, so zieht es sich durch das ganze Buch. Das wird aber nicht langweilig. Mir gefielen die Beschreibungen des Privatlebens und der Erfahrungen mit dem amerikanischen Hochschulwesen fast besser als die, im Grunde genommen doch immer gleichen, Schilderungen des Geschlechtsverkehrs. Französisch, Dreier, Fesseln, Fetische - es gibt nichts zu erfahren, was man nicht auch jede Woche bei „Wa(h)re Liebe", in einem Herrenmagazin oder unzähligen anderen Quellen entnehmen kann. Keine Überraschungen auf der Seite, es sei denn der Leser ist extrem prüde. Dann sollte er ohnehin die Finger von dieser Lektüre lassen. Wer etwa extrem bibeltreu lebt, den wird Jeannette Angell sicherlich nicht davon überzeugen können, die Prostitution als ganz normalen Beruf zu betrachten. Das aber ist der Autorin ganz eindeutig ein starkes Anliegen. Warum sind Freier normal und Huren unnormal? Sie sind eben Beide normal! Das ist die Aussage des Buches.
„Callgirl" von Jeannette Angell ist ein gut geschriebenes und informatives Buch, mit ausführlichen Schilderungen des Callgirl-Alltags. Frauen, die freiwillig zu Huren werden, tun dies um schnell viel Geld zu verdienen. Die Zeit dafür ist kurz. Wer das nicht berücksichtigt, sich an ein Leben in Luxus und mit Drogen gewöhnt, kann durch die Prostitution ins Elend gestürzt werden. Angell zeigt beide Seiten der Medaille. Ihr größter Verdienst ist, daß sie dem Leser klarmacht, daß Huren zuallererst Menschen sind und keine verkommenen, nymphomanen Hexen. Ein Buch das mit Vorurteilen aufräumt und den Weg für einen sachlichen Umgang mit der Prostitution ebnet.