Antonio Caldara, der von ca. 1670 bis 1736 lebte, gehörte in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zu den angesehensten Komponisten Europas. Caldara (Betonung übrigens auf der ersten Silbe!), der ein Händel vergleichbares kontrapunktisches Genie mit dem melodischen Gefühl seiner italienischen Heimat vereinte, hatte zunächst in Italien (Mantua, Rom) großen Erfolg und war ab 1716 am glanzvollen Wiener Hof angestellt. Dort vertonte er unter anderem als erster die Opernlibretti von Apostolo Zeno und Pietro Metastasio für so exzellente Sänger wie Farinelli und Felice Salimbeni.
Philippe Jaroussky hat nun aus diesen späten Opern Caldaras, die großenteils noch keine moderne Aufführung erlebt haben (!!), in aufwendiger musikologischer Arbeit geeignete Arien aufgespürt, ausgewählt und für die vorliegende CD eingespielt.
Arien wie '"Misero pargoletto'", '"Tutti nemici e rei'", "'Mentre dormi"' aus "'Demofoonte"', '"L'Olimpiade"', "'Adriano in Siria"', "'Temistocle'" und '"La Clemenza di Tito"' sind natürlich von anderen Komponisten wie Hasse, Vivaldi, Mozart bekannt, klingen jedoch bei Caldara ausgesprochen kraftvoll und originell. Caldara überzeugt sowohl mit Bravourarien wie dem so schwungvollen wie aberwitzig schwierigen '"Lo seguitai felice'" als auch tragischen Arien wie dem zutiefst bewegenden '"Misero pargoletto"' als technisch brillianter und höchst einfallsreicher Komponist (der übrigens unter anderem 80 Opern hinterließ!). Caldaras oft außerordentlich originelle melodische Linien haben zugleich einen unverkennbaren Ton tiefer Empfindung und oft einen schwebenden, geradezu überirdischen Charakter, den Jaroussky selbstverständlich kongenial umsetzt. Bei der Begleitung zeigt sich Caldara als höchst einfallsreicher Schöpfer dichter Streichersätze, der durch immer neue Instrumentierungen vielfältige klangliche Abwechslung schafft (seine Pizzicati!), und zudem sämtliche Mittel des frühgalanten Stils überzeugend einzusetzen weiß:' Unverkennbar einer der großen Meister seiner Zeit.
Philippe Jaroussky singt wie gewohnt mit stupender Technik und spürbarem Vergnügen an der so makellosen wie mühelosen Ausführung extrem anspruchsvoller Passagi, Koloraturen und kontrollierter Triller. Seine Stimme klingt klar, hell und rund, zugleich kraftvoll und auch in der Höhe maskulin ... Jaroussky scheint immer noch immer besser zu werden. Dass Philippe Jarousskys Gesang die verschiedensten Emotionen überzeugend und mitreissend, teilweise erschütternd, zum Klingen bringt, versteht sich bei ihm von selbst.
Das technisch hervorragende 'Concerto Köln' spielt, geleitet von der wie stets inspirierten Emmanuelle Haim (und dem Konzertmeister Markus Hoffmann), mit Temperament und stets aus der inneren Dynamik der Musik heraus in dieser Aufnahme so lebhaft, schwungvoll und zugleich tief empfunden, dass es eine reine Freude ist.
Die Tonqualität dieser CD ist hervorragend und klanglich ausgewogen, die Ausstattung mit dem musikologisch handfesten Aufsatz und einem beigefügten Büchlein sehr erfreulich. So ist diese CD pures Vergnügen. Uneingeschränkte Empfehlung dieser musikwissenschaftlich geradezu sensationellen und musikalisch herausragenden Einspielung!