-reine Filmrezension-
Wofür brauchen Filmfreunde die große Leinwand? Vor allem für Filme wie diese.
Die erfolgreiche, vielbeschäftigte amerikanische Modejournalistin Juliette (Patricia Clarkson) nimmt sich ein paar Wochen frei, um sich mit ihrem Mann Mark, einem UNO-Mitarbeiter, in Kairo zu treffen. Da ihr Mann im Gaza-Streifen aufgehalten wird, wird sie von seinem ehemaligen Mitarbeiter, dem ägyptischen Kaffeehausbesitzer Tareq (Alexander Siddig), vom Flughafen abgeholt. Um die Zeit bis zur Ankunft ihres Mannes zu nutzen, durchstreift sie auf eigene Faust die Metropole. Ihr selbstbewusstes Auftreten, verbunden mit einer gewissen Unbedarftheit scheint einige Männer zu provozieren. Um sie vor Zudringlichkeiten zu schützen, wird Tareq immer häufiger ihr Begleiter. Während er zu Beginn lediglich ihr Beschützer ist, werden die Ausflüge bald eher Vorwand, um Zeit mit dem charmanten Ägypter verbringen zu können. Kairo spielt quasi die dritte Hauptrolle in dieser sich entwickelnden Liebesgeschichte.
Der Film beginnt fast wie Stazione Termini auf Arabisch. Tagelang wartet Juliette, gequält von einem Jetlag, auf Nachrichten von ihrem Mann. Obwohl die attraktive Frau um die Fünfzig -die Kinder sind längst aus dem Haus- anscheinend nur wenig Zeit mit ihrem Mann verbringen kann, scheint die Beziehung zu Mark noch sehr herzlich zu sein. In ihrer Sehnsucht versucht Juliette sogar in einem Bus nach Gaza zu reisen. Sie gerät in eine nicht ganz ungefährliche Situation und wird von Tareq zurück nach Kairo gebracht. In manchem war ich auch an die Sinnsuche in "Hamam" erinnert, die Entschleunigung eines Karrieremenschen, die Faszination des Orients, die mit einer neuen Liebe einhergeht. Aber da enden auch schon die Vergleiche, so bitterböse wie "Hamam" endet "Cairo Time" nicht.
Juliette begegnet Ägyptern und Europäern, es streifen sich Schicksale und Lebensläufe. Und manchmal hätte ich mir gewünscht, einige dieser Nebenhandlungen näher ausgeführt zu sehen. Was denkt ein älterer ägyptischer Ladenbesitzer, der Juliette eben aus einer unangenehmen Situation rettet? Warum muss eine junge Frau aus der Handlung verschwinden, nachdem sie sich über die Besitzansprüche ägyptischer Männer geäußert hat? Was wird aus dem ägyptischen Romeo-und-Julia-Paar? Das sind aber nur kleine Nörgeleien an einem akustisch und optisch faszinierenden Film über die Annäherung zweier so unterschiedlicher Menschen. Nur ein Flirt? Oder die ganz große Liebesgeschichte? Viel wird nicht passieren. Die Romanze entwickelt sich aus vielen Blicken, Gesten und vorsichtigen Berührungen. Ja, mitunter schien mir Kairo auch ein bisschen zu schön. Es wird zwar nicht zur reinen Postkartenidylle, aber ich erinnerte mich an eine in Kairo arbeitende Kollegin, die sagte, dass sie so gerne nach Istanbul führe, da es dort so sauber und ruhig (!) sei.
Der Filmscore kombiniert mehrere arabische Lieder mit einer melancholischen Klavierpartitur. Zum Träumen schön. Die Kamera fängt die Protagonisten häufig in der Totalen ein, wobei die Breitwand optimal genutzt wird. Nur selten sind die Gesichter in Großaufnahme zu sehen. Es vermittelt eine angenehme Zurückhaltung, ein Innehalten, ein ungemein sympathisches Stirnrunzeln über die eigenen Gefühle. Ein leiser Humor darf da nicht fehlen. Angesichts der Situation der Straßenkinder beschließt Juliette eine Reportage über sie zu schreiben. Tareq besorgt sich in der britischen Buchhandlung ein Exemplar ihrer Zeitschrift und fragt sie, wo diese Reportage zwischen Schminktipps und Psychotests Platz finden solle.
Auch wenn sich Juliette (ernsthaft?) die Frage stellt, was sie tun werde, wenn sie nach Kairo zöge, es bleibt eine Romanze im Konjunktiv. Ich fand es aus dramaturgischen Gründen etwas ungeschickt, Mark am Ende des Films noch selbst auftauchen zu lassen. Der Zuschauer hätte sich gut auf sein Bild von Mark verlassen können, die direkte Gegenüberstellung Tareq/ Mark war da nicht nötig.
Fazit: Sehnsucht, Vernunft, Liebe - wunderbar erzählte bitter-süße Romanze mit gut aufgelegten Darstellern, die noch etwas mehr Tiefgang vertragen hätte.