Alles so schön bunt hier
«Café Brazil»: Tanja Dückers will schockieren
Als die Ostberliner Sängerin Nina Hagen im Westen landete, gab sie in ihrem Song «TV» dem westlichen Lebensgefühl in dem Quietscher «Ich kann mich gar nicht entscheiden alles so schön bunt hier!» erschöpfend Ausdruck. Seit dem Aufschwung Berlins zur (Szene-)Hauptstadt klackern die Tastaturen der Autoren, ticken die Meldungen der Feuilletons und klingeln die Kassen der Verleger rund um eine literarische Produktpalette der Labels Pop und Pubertät, Postmaterialismus und Postpostmoderne. Alles cool, chic melancholisch und immer mit dem «Parental advisory»-Aufkleber versehen, der die Eltern vor dem «explicit content» warnt. «Ich hätte nie gedacht, dass mein Roman als so extrem, schrill und provokativ empfunden würde», wird Tanja Dückers zitiert, die 1999 mit ihrem Berlinroman «Spielzone» auftrat. Tatsächlich eine erstaunliche Erfahrung. Ein farbiges Fetzchen im Patchwork der kurzlebig aktuellen Metropolentexte, fokussierte das Buch den Realitätsausschnitt, der vom Szeneblatt bis zum Hochglanzmagazin das Avantgarde-Window füllt. Die kundige Semidokumentation, die sich zwischen dem gruftigen und dem hedonistischen Pol (Friedhof in Neukölln und Klubkeller am Prenzlauer Berg) des Bestiariums zeitgenössischer Jungmenschen bewegt, ist eine Abbildung der Oberfläche, die sich im Oberfläche-Sein erschöpft. Das ästhetische Lebensgefühl, wie es sich seit der Postmoderne tiefenarm und sinnverzichtend gebärdet, wirkt hier als visuelles Erlebnis, bekannt aus wortarmen Grossstadt-Episodenfilmen eine Mischung aus Hundertwasser und Disneyland. Die mediale Aussenseite gibt oder ersetzt den literarischen Stil, der, im Hier-und-jetzt-Präsens, mal den restringierten Szenecode nachahmt, mal expressionistisch-synästhetisch herumbrodelt, mal satirisch versimpelt und mal dem Sentiment des Mangels, der Sinn-Nostalgie Ausdruck gibt. Als Zwitter aus Trendstudie und Trendsetzung, Beschreibung und Rechtfertigung ist «Spielzone» ein symptomatisches Pop-Produkt: Kritik und Affirmation zugleich.
Ähnlich wie die Süssigkeiten, die darin ständig vertilgt werden, bot Dückers' Roman eine Kombination von Lesevergnügen und Überdruss, einen Eins-zu-eins-Nachgeschmack der nervösen Langeweile, die die ständig schwätzenden, streunenden, abhängenden und partyhoppenden Protagonisten plagt. Dies gilt es zu erinnern, will man Machart und Wirkung der nachfolgenden Erzählungen mit dem hippen Titel «Café Brazil» ergründen. Was dort zu einem MTV-Clip-Kontinuum zusammenfloss, fällt hier in die Ingredienzen auseinander, die der Klappentext auflistet, «zärtliche Bosheiten, akribische Perfidien, Komisches, Groteskes, verblüffende Wendungen».
Nehmen wir die Titelgeschichte, deren Erzählerin ihre Männerbilanz auflistet und angesichts der Feststellung, dass die Hundert ansteht, im Klo mit einem brasilianischen Kellner zur Tat schreitet, oder die Erzählung «Nikita», bei der selbiges am selbigen Ort geschieht, diesmal in einem Nobelrestaurant. Nehmen wir ferner zur Kenntnis, dass in beiden Fällen dasselbe Muster herrscht (der «Betrogene» sitzt derweil ahnungslos im öffentlichen Teil des Lokals): eine verspätete Tabulosigkeit, die in Eros-Ratgeber-Sätzen wie «Wenn mir der Schweissgeruch eines Mannes gefällt, ist es einfach schon zu spät» spiessig erfüllt, im pathetischen Schlusssatz allerdings («. . . ich versuche zu geniessen, bevor unweigerlich der Schreck über alles einsetzen und mich zermürben wird») Lügen gestraft wird.
Ein Drittel der Erzählungen widmet sich also dem Thema Sex in möglichst skurrilen Lebenslagen; nur einmal, in «Die Nacht», die auf eine Standard-Bettbegegnung hinausläuft, wird die mittlerweile konditionierte Ahnung bestätigt, dass dies unmöglich klappen kann: Die verklemmte Studentin und der Student, die sich nicht zueinander trauen, befriedigen sich jeweils auf getrennten Matratzen selbst. Wer nicht dem Identifikationsstereotyp «jung, weiblich, freizügig» entspricht, wird als «armes Schwein» denunziert. Ein weiteres Drittel handelt vom komplementären «Tabu» der makabren Begegnung, vorzugsweise dem Mord. Liebemachen, Totmachen, so what? Hier fackelt einer seine kettenrauchende Geliebte, dort sticht eine reiche Ehefrau den Gatten beim Blumengiessen ab: Feierabendhorror, mal sozialkritisch, mal «grotesk», Pulp fiction provinziell.
Subversiv und provokativ kann dieser abgestossene Lack auf dem Nichts, das jeder kennt, nur einem frustrierten Bewusstsein erscheinen, das periodisch sein Quentchen domestizierten Thrills braucht. Der ist jedoch leichter in der Cocktailbar an der Ecke zu haben, wo der Vorgesetzte das Jackett ablegt und die Angestellte drei Blusenknöpfe öffnet; im Kino bei einer flotten Krimikomödie oder beim Zahnarzt, wo die Lifestyle- und Regenbogenblätter liegen, ein bisschen Sex, ein bisschen Crime für die Wartezeit: Alles so schön bunt hier.
Dorothea Dieckmann