So verrückt es klingt, so möglich klingt die verrückte Romanhandlung auch. Ein gutaussehender gewitzter 17jähriger sephardischer Jude kommt 1929 aus Damaskus ins Berlin am Vorabend der Weltwirtschaftskrise und macht dort Furore mit einer dollen Neuigkeit, wie man sie noch nicht einmal im Berlin der zwanziger Jahre gekannt hat: einem edlen Etablissement ganz im Stil des Vorderen Orients, an dem kein Pascha etwas auszusetzen gehabt hätte, mit allem Drum und dran, echten orientalischen Bauchtänzerinnen und obendrein Portiers, deren Karriere einstmals am russischen Zarenpalast begonnen hatte. Ein letztes Mal geben sich im "Klub Kaukasus" die letzten Reste der Roaring Twenties die Ehre; hier trifft sich, was auf sich hält -- im Gästebuch finden sich u.a. die Namen von Emil Jannings, Gottfried von Cramm, Max Schmeling, Jan Kiepura und Joseph Goebbels in seltener Eintracht... Das klingt vielversprechend nach Schelmenroman, und das Versprechen wird eingelöst. Aber zurück zum Roman:
1933 kommen die Nazis, und alles wird anders. So absurd es auch klingt, aber dass auch der Kaukasus Klub peu à peu zum Edelbordell für NS-Größen verkommt, das setzt Daniel Sapora mehr zu als alle Politik. Dass man in Deutschland die Geschichte der Juden nicht so richtig kennt, nichts von den Sepharden weiß, dass er unter seinem neuen Namen Daniel Salazar locker als Spanier durchgeht, dank leidlichen Spanisch-Kenntnissen und Franco-Porträt im Büro, das lässt ihn in bester Marranen-Tradition lange in seiner eigenen Wirklichkeit leben. Und dann ist da sein engster Mitarbeiter und Freund, der unerschütterliche Lohmann. Mit allen Wassern gewaschen, bewegt Lohmann sich im Kiez wie der Fisch im Wasser. Mit seiner Hilfe kann Daniel das "Kaukasus" weiterführen, und für exotischen "Nachschub" für die stets nach "frischer Ware" dürstende Kundschaft kann er sogar während des Krieges sorgen. Geschäft ist Geschäft, da lässt der Geschäftsmann die Gefühle draußen warten. Freilich, wer jetzt viel Haut nach Art des rtl-Nachtprogramms erwartet, der sollte nicht weiterlesen, denn darum geht es Harold Nebenzal zum Glück nicht. Ganz im Gegenteil zeichnet er einige Schicksale nach, ihre Jugend im Orient und die Gründe, wie und warum sie zu dem wurden, das sie nun sind. Auch wenn's gelegentlich schablonenhaft wirkt -- platt wird's nie; gelegentlich nimmt Nebenzal sogar die Schablone aufs Korn, die beim Genre nunmal beliebt ist.
Zurück zum Roman: So weit, so gut die Schelmengeschichte mit gelegentlichem Tiefgang. Aber jetzt kommt die "große" Geschichte ins Spiel, und zwar in Person eines gewissen Archäologie-Professors namens Steinbruch, eine Zufallsbekanntschaft von Daniel. Der gehört zum Widerstand und hat den Auftrag, die Verbindungen des NS-Regimes zu seinen arabischen Verbündeten, insbesondere Amin al-Husseini, und bosnischen Muslimen auszuspionieren (dochdoch. Auch wenn ich mich jetzt unbeliebt mache: Es gab sogar muslimische bosnische SS-Einheiten. Und die spielen im Roman alle eine Rolle). Und deren Rolle wiederum war im Vorderen Orient im Krieg gegen die britischen Truppen nicht unwichtig, ums Erdöl ging's auch, und so ganz nebenbei gab's auch da Pogrome gegen etliche sephardische jüdische Gemeinden im Vorderen Orient und auf dem Balkan, z.B. in Sarajewo, Saloniki und Bagdad, Damaskus, Aleppo... Inmitten all der realen Geschichte nun die Romanfigur Daniel Sapora/Salazar mit speziellem Auftrag. Um's vorwegzunehmen, ohne die Handlung zu verraten: Der Auftrag selber ist arg konstruiert, aber die Geschichte ist hervorragend erzählt, und durch einen geschickten Kniff wird dem Leser der historische Hintergrund ohne professorales Gehabe vermittelt.
Spannung mit Tiefgang und Lokalkolorit, wie man sich's besser nicht wünschen kann -- und jetzt kommt's noch dicker, und zwar auch noch mit einer unschuldig daherkommenden Frage, mit der ein schlechterer Romancier den Roman gründlich überfrachtet hätte: Kann man sich immer die Hände in Unschuld waschen? Steinbruchs Begründung für seinen Spionage-Auftrag an den gut getarnten Juden Daniel lässt sich nämlich, mit etwas (nicht allzu viel) Bosheit auf den sattsam berüchtigten Slogan "Du bist nichts, dein Volk ist alles" reduzieren. Aber andererseits: Was heißt hier Bosheit -- hier gehört auch die Meldung zu den vielen Façetten, dass die jüdische Gemeinde von Saloniki, in der Daniel Verwandte hat, soeben nach Auschwitz transportiert wurde... Freilich gibt es auch weniger edle Motive. Und es kommt noch dicker: Noch nicht einmal so sehr um Daniels eigenen Kopf und Kragen geht es, sondern dass er das Leben seiner Geliebten dabei ruiniert, das nimmt Daniel bei seinem Heldentum in Kauf. So edel ist er also garnicht, wie man vermuten könnte, und ein Held erstrecht nicht. Klingt nicht gerade nach talmudischer Geschichtsbetrachtung, zumal er nicht allzu gut aussieht, wenn's drum geht, einem gewissen Chayjm Spiegel aus höchster Not zu helfen... Der Spiegelbilder immer noch nicht genug: Auch Lohmann wird in dieser Hinsicht zu einem Gegenstück Daniels. Klingt kompliziert, aber Nebenzal erzählt das alles so locker, als hätte er das schon immer getan.
Auch der Romanaufbau ist gelungen; Nebenzal erzählt nicht ermüdend streng chronologisch. Stattdessen lässt er seinen Helden wider Willen in seinem Versteck den Weg Revue passieren, der ihn ins Dachboden-Versteck geführt hat. Diese Erinnerungen sind eher assoziativ als chronologisch oder thematisch geordnet. Dennoch bleibt der Rote Faden erkennbar; chaotisch wird das Ganze nie, der Leser verliert nie den Überblick, und langweilig wird die Lektüre sowieso nicht.
Freilich, wer hier die Qualitäten eines, sagmermal, Theodor Fontane erwartet, der erwartet zu viel. Aber das wird dem Leser eh klar sein. Dass die schwersten Einwände ans deutsche Korrektorat gehen -- mit "Hejaz" ist der Hedschas gemeint, mit dem "Hajj" ein "Hadschi" u.ä.; ein, zwei komische Schusseleien kommen noch hinzu -- also, das sagt doch alles über die Klasse des Romans.
"Café Berlin" tritt an in der Kategorie "Intelligente tragische Schelmen-Schlemihl-Liebes-Spion-Kolportage vor historischem Hintergrund", irgend sowas halt (für die Schubladenfans), und da schlägt er sich mehr als nur wacker. Skurril, makaber, grotesk, verblüffend, erschütternd, nie moralisierend, nie verniedlichend, auch niederschmetternd.
Kolportage reinsten Wassers mit bitterernstem Hintergrund. Soviel Tief- und Hintergründiges dermaßen locker erzählt -- das bekommt man nicht alle Tage zu lesen.