Aus der Amazon.de-Redaktion
Mit welchem Begriff auch immer man den Zustand des Landes zwischen Euphrat und Tigris auch belegen mag: Frieden jedenfalls herrscht im Irak noch lange nicht. Trotzdem hat sich wieder eine Art Alltag eingestellt. Von diesem -- freilich: ungeheuren -- Alltag und von den Menschen, die ihn Tag für Tag aufs Neue einem wenig gnädigen Schicksal abtrotzen, handelt dieses bemerkenswerte Buch. Sein Thema ist nicht der Zukunftstraum der politischen Strategen von einem demokratischen Irak. "Was wirklich im Land geschieht, warum es immer tiefer versinkt in Chaos und Gewalt, wie die Iraker ihren Alltag erleben, was sie sich wünschen, woran sie verzweifeln", darum geht es den Autoren.
Den beiden Nahost-Korrespondenten Christoph Reuter und Susanne Fischer sind mit ihren in diesem Band versammelten Reportagen authentische Nahaufnahmen gelungen, die uns Menschen zeigen, die inmitten des Landes, von dem manche glauben, dass dort das biblische Paradies gelegen habe, ihr schweres Schicksal mit einer oft erstaunlichen Würde ertragen. Das realistische Bild, das sie in der Gesamtschau zeichnen, macht aber auch deutlich, wir irr der Glaube der Invasoren war und ist, dieses zerrissene Land werde sich nach der Befreiung vom Regime der Baath-Partei und ihrem Führer Saddam Hussein so ohne weiteres befrieden lassen. -- Hasso Greb -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Ausgezeichnet recherchiert." (FAZ )
Kurzbeschreibung
In Bagdad zu leben, heißt, in Rufnähe des Grauens zu wohnen. Es ist ein gespaltenes Dasein zwischen Internet-Cafés und Stammesfehden, Briefmarkensammlern und Selbstmordattentätern. Diese Widersprüche, denen die fünf Millionen Einwohner von Bagdad tagtäglich ausgesetzt sind, ihren Kampf um Normalität inmitten von Tod und Chaos beschreiben Reuter und Fischer in einem berührenden Buch, das erzählt, was die Nachrichten sonst verschweigen.
Klappentext
Financial Times Deutschland
"Ausgezeichnet recherchiert."
FAZ
Über den Autor
Susanne Fischer, Jahrgang 1968, hat Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Nach Abschluss der Henri-Nannen-Journalistenschule arbeitete sie als Politikredakteurin bei der "Woche", berichtete dann zwei Jahre für den "Spiegel" aus Berlin. Im Oktober 2003 ging sie gemeinsam mit Christoph Reuter als freie Journalistin nach Bagdad, von wo sie sieben Monate lang Reportagen unter anderem für "Tagesspiegel", "Die Zeit", "Brigitte" und das Schweizer Nachrichtenmagazin "Facts" schrieb.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Viel und gründlich ist berichtet worden über die Rechtfertigungen, im Irak einzumarschieren. Auch an Prognosen, was nach Saddams Sturz geschehen würde, und an Ratschlägen und Konzepten, was nun im Irak zu geschehen habe, gibt es keinen Mangel. Nur: Was wirklich im Land geschieht, warum es immer tiefer versinkt in Chaos und Gewalt, wie die Iraker ihren Alltag erleben, was sie sich wünschen, woran sie verzweifeln – das erfährt man selten.
Genau darum geht es uns. Dies ist ein Buch über den Irak, nicht aus dem Blickwinkel Washingtoner Strategenzirkel. Unsere Perspektive ist die der Menschen: in Cafés, am Küchentisch, unterwegs im Auto, auf Trauerfeiern. Wir haben den Alltag mit Irakern geteilt, aber auch den amerikanischer Soldaten kennen gelernt. Entstanden ist ein Buch über die Melancholie, den Witz, das Sterben und Überleben zwischen den Fronten, über die abenteuerlichen Biographien jener irakischen Freunde, die wir seit Jahren kennen. Es ist weder ein nachträgliches Plädoyer für den US-Einmarsch noch dafür, dass man die fünfundzwanzig Millionen Iraker doch Saddam Husseins Horrordiktatur hätte überlassen mögen. Es geht zwar auch um die fatalen Fehler, mit denen die Besatzer ihr fragwürdiges Projekt in ein Desaster verwandeln, vor allem aber geht es um den Irak an sich: um die Einzigartigkeit dieses Staates, der auf tragische Weise alle Voraussetzungen für ein Paradies und für die Hölle in sich trägt. Wir haben ihn gründlich kennen gelernt.
Christoph Reuter ist bereits 1990 das erste Mal im Irak gewesen, damals als Tourist. Als Journalist kam er 1996 und 2002 wieder, jeweils für mehrere Wochen, dann war er dreieinhalb Monate während des Krieges und noch mal im Sommer 2003 im Land unterwegs.
Ab Herbst 2003 haben wir für ein knappes Dreivierteljahr zusammen in Bagdad gelebt: Christoph Reuter als Korrespondent für den »stern«, Susanne Fischer als freie Journalistin. Wir haben ein halbes Haus mit Garten und Generator gemietet, waren mit dem eigenen Auto unterwegs und haben das Dasein der fünf Millionen Bagdadis geteilt: Zweimal wurde das Haus von Explosionen in der Nachbarschaft erschüttert, einmal mussten wir es wegen einer Bombendrohung räumen. Wir haben dort gearbeitet, gefeiert, mit irakischen Freunden lange Nachmittage in den Fischrestaurants und Saftbars der Nachbarschaft verbracht, sind nach Einbruch der Dunkelheit mit Autobahngeschwindigkeit durch die nachts lebensgefährliche Stadt gerast und haben uns auch tagsüber gelegentlich im Rückspiegel versichert, dass uns niemand folgt. Auf Reisen sind wir im ganzen Land unterwegs gewesen, von den bis Mai schneebedeckten Bergen Kurdistans – wo Christoph Reuter zwei Monate vor und während des Krieges verbrachte – über die westliche Wüste, die heiligen Städte Kerbala und Nadschaf bis zu den halbtropischen Palmenwäldern und Sümpfen ganz im Süden am Persischen Golf.
Wenn im Buch nun immer wieder das »wir« auftaucht, so ist dies ein multiples »wir«: In den meisten Fällen meint es Christoph Reuter und Susanne Fischer. Oft aber auch eine/n von uns in Begleitung eines unserer irakischen Mitarbeiter, Freunde, Übersetzer. Manchmal war man zu zweit, zu dritt unterwegs, gelegentlich aber auch zu fünft, denn seit Frühjahr 2004 ist es für Ausländer alles andere als ratsam, in manche Gegenden alleine zu fahren: Nach Falludscha sollte man nur mit einem Mann der dortigen Stämme fahren, nach Sadr-City mit einem Anhänger der Mafiamiliz von Muqtada as-Sadr, nach Nadschaf nur mit einem Schiiten.
Das Manuskript wurde Mitte August abgeschlossen. Seither taumelt der Irak von einer Krise in die nächste. Jeden Tag geschehen neue Anschläge, es hat wochenlang schwere Kämpfe zwischen den Anhängern des radikalen Schiitenführers Muqtada as-Sadr und US Truppen um die heilige Stadt Nadschaf gegeben – die Ende August wieder damit endeten, dass die Sadristen nach Hause gingen und nichts entschieden wurde. Getreu dem alten libanesischen Bürgerkriegsmotto: »Keine Sieger, keine Besiegten!«
Niemand kann genau sagen, welchen Weg der Irak nehmen wird. Je länger die Besatzungstruppen im Land bleiben, desto geeinter wird der Widerstand gegen sie. Ziehen sie ab, stehen Milizen bereit zum Machtkampf um das Land und vor allem den unermesslichen Ölreichtum. Vielleicht wird eine halbwegs demokratische Regierung sich nach den Wahlen durchsetzen können und das Land sich beruhigen. Vielleicht wird es zerfallen und im Alptraum eines endlosen Bürgerkriegs versinken. Niemand weiß das heute, und es ist auch nicht die Absicht dieses Buches, ein Patentrezept für eine Befriedung von außen zu liefern. Denn es gibt keines. Uns geht es darum, zu erzählen, zu erklären, warum geschieht, was dort gerade geschieht. Nach welchen Regeln, Mythen, Mentalitäten die Menschen im Irak handeln. Und ein paar dieser Menschen, die wir über die Jahre kennen und mögen gelernt haben, in ihrer Verzweiflung, Sehnsucht und Würde lebendig werden zu lassen. Bei Abschluss des Manuskripts waren sie alle noch am Leben, und wir hoffen inständig, dass dies so bleibt.
Christoph Reuter, Susanne Fischer
29. August 2004
»Es ist ein so außerordentlicher Unterschied zwischen der Art, wie man wirklich lebt und wie man leben sollte, dass alle, welche bloß darauf sehen, was geschehen sollte, und nicht auf das, was wirklich geschieht, eher ihren Untergang als ihre Erhaltung erleben.«
Niccolò Machiavelli
Café Bagdad
Es versprach ein ruhiger Abend zu werden. Kein Regen, kaum Wind, am Himmel nur der stete Flammenschein der Raffinerie im Süden, der die Palmenblätter im Zackenprofil zeichnete und Bagdad wie jede Nacht aufs Neue aussehen ließ wie eine brennende Stadt. Nicht einmal das vertraute Geräusch der Detonationen verirrter Mörsergranaten aus dem amerikanischen Hauptquartier wehte herüber. Es war einer der ersten kühlen Winterabende und ruhig. Bis kurz vor Mitternacht.
Als die Ersten schießen. Von fern noch, aber bald rückt es heran: Einzelfeuer, Salven, Kalaschnikows, Pistolen, von allen Seiten. Es kommt näher. Vom Ufer? Von der Arasat, unserer so friedlichen Einkaufsstraße um die Ecke?
In der Gasse vor dem Haus: niemand. Die kurdischen Wächter von der Villa der Ministerin gegenüber sind wie vom Erdboden verschluckt. Aber auch das Rasseln vorrückender Panzer, das Quietschen beschleunigender Jeeps bleibt aus. Kurze Pausen, dann beginnt es wieder von neuem, wachsen die Schießereien und ihre Echos in den engen Straßen zu einer Woge des Lärms an, als ob Saddams letztes Aufgebot zum Endsturm auf die Innenstadt ansetzte und niemand sich ihnen entgegenstellte. Wir warten hinter zugezogenen Gardinen und streiten darüber, ob es angebrachter sei, unter dem Schreibtisch Schutz zu suchen oder draußen nachzuschauen, was los ist. Eine Dreiviertelstunde lang liegt Bagdad unter Feuer – doch niemand schießt zurück. Vielleicht ist Saddam gefasst worden, überlegen wir und schalten BBC ein. Nichts. Und draußen ist die Hölle los. Bis die Schüsse langsam verebben.
Plötzlich, ganz leicht nur, weht Jubel heran, Geschrei und verschwindet mit dem Widerhall der letzten Salven in der Nacht. Dann ist es still. Unheimlich und still. Die BBC berichtet aus Russland, keine Hubschrauber sind zu hören, niemand rast mehr durch die Straßen. Was war los?
Am nächsten Morgen, einem strahlend blauen Wintermorgen, kommt Ammar, unser irakischer Mitarbeiter, vollkommen entspannt und mit einem stolzen Grinsen um die Ecke: »Habt ihr gehört? Das 4:1? Gegen Südkorea!« Nicht Saddams Festnahme, nicht eine Großoffensive islamistischer Freischärler war die Ursache des nächtlichen Trommelfeuers – sondern die erfolgreiche Fußballpartie gegen Südkoreas Nationalelf. Einer der letzten Erfolge des deutschen Trainers Bernd Stange, den Saddams Sohn Uday, als Führer aller Sportvereinigungen des Irak, noch ins Land geholt hatte.
Der Krieg war gekommen, war vorübergegangen – und Bernd Stange war immer noch da. Es...
Auszug aus Cafe Bagdad. Der ungeheure Alltag im neuen Irak von Christoph Reuter, Susanne Fischer. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Viel und gründlich ist berichtet worden über die Rechtfertigungen, im Irak einzumarschieren. Auch an Prognosen, was nach Saddams Sturz geschehen würde, und an Ratschlägen und Konzepten, was nun im Irak zu geschehen habe, gibt es keinen Mangel. Nur: Was wirklich im Land geschieht, warum es immer tiefer versinkt in Chaos und Gewalt, wie die Iraker ihren Alltag erleben, was sie sich wünschen, woran sie verzweifeln - das erfährt man selten.
Genau darum geht es uns. Dies ist ein Buch über den Irak, nicht aus dem Blickwinkel Washingtoner Strategenzirkel. Unsere Perspektive ist die der Menschen: in Cafés, am Küchentisch, unterwegs im Auto, auf Trauerfeiern. Wir haben den Alltag mit Irakern geteilt, aber auch den amerikanischer Soldaten kennen gelernt. Entstanden ist ein Buch über die Melancholie, den Witz, das Sterben und Überleben zwischen den Fronten, über die abenteuerlichen Biographien jener irakischen Freunde, die wir seit Jahren kennen. Es ist weder ein nachträgliches Plädoyer für den US-Einmarsch noch dafür, dass man die fünfundzwanzig Millionen Iraker doch Saddam Husseins Horrordiktatur hätte überlassen mögen. Es geht zwar auch um die fatalen Fehler, mit denen die Besatzer ihr fragwürdiges Projekt in ein Desaster verwandeln, vor allem aber geht es um den Irak an sich: um die Einzigartigkeit dieses Staates, der auf tragische Weise alle Voraussetzungen für ein Paradies und für die Hölle in sich trägt. Wir haben ihn gründlich kennen gelernt.
Christoph Reuter ist bereits 1990 das erste Mal im Irak gewesen, damals als Tourist. Als Journalist kam er 1996 und 2002 wieder, jeweils für mehrere Wochen, dann war er dreieinhalb Monate während des Krieges und noch mal im Sommer 2003 im Land unterwegs.
Ab Herbst 2003 haben wir für ein knappes Dreivierteljahr zusammen in Bagdad gelebt: Christoph Reuter als Korrespondent für den »stern«, Susanne Fischer als freie Journalistin. Wir haben ein halbes Haus mit Garten und Generator gemietet, waren mit dem eigenen Auto unterwegs und haben das Dasein der fünf Millionen Bagdadis geteilt: Zweimal wurde das Haus von Explosionen in der Nachbarschaft erschüttert, einmal mussten wir es wegen einer Bombendrohung räumen. Wir haben dort gearbeitet, gefeiert, mit irakischen Freunden lange Nachmittage in den Fischrestaurants und Saftbars der Nachbarschaft verbracht, sind nach Einbruch der Dunkelheit mit Autobahngeschwindigkeit durch die nachts lebensgefährliche Stadt gerast und haben uns auch tagsüber gelegentlich im Rückspiegel versichert, dass uns niemand folgt. Auf Reisen sind wir im ganzen Land unterwegs gewesen, von den bis Mai schneebedeckten Bergen Kurdistans - wo Christoph Reuter zwei Monate vor und während des Krieges verbrachte - über die westliche Wüste, die heiligen Städte Kerbala und Nadschaf bis zu den halbtropischen Palmenwäldern und Sümpfen ganz im Süden am Persischen Golf.
Wenn im Buch nun immer wieder das »wir« auftaucht, so ist dies ein multiples »wir«: In den meisten Fällen meint es Christoph Reuter und Susanne Fischer. Oft aber auch eine/n von uns in Begleitung eines unserer irakischen Mitarbeiter, Freunde, Übersetzer. Manchmal war man zu zweit, zu dritt unterwegs, gelegentlich aber auch zu fünft, denn seit Frühjahr 2004 ist es für Ausländer alles andere als ratsam, in manche Gegenden alleine zu fahren: Nach Falludscha sollte man nur mit einem Mann der dortigen Stämme fahren, nach Sadr-City mit einem Anhänger der Mafiamiliz von Muqtada as-Sadr, nach Nadschaf nur mit einem Schiiten.
Das Manuskript wurde Mitte August abgeschlossen. Seither taumelt der Irak von einer Krise in die nächste. Jeden Tag geschehen neue Anschläge, es hat wochenlang schwere Kämpfe zwischen den Anhängern des radikalen Schiitenführers Muqtada as-Sadr und US Truppen um die heilige Stadt Nadschaf gegeben - die Ende August wieder damit endeten, dass die Sadristen nach Hause gingen und nichts entschieden wurde. Getreu dem alten libanesischen Bürgerkriegsmotto: »Keine Sieger, keine Besiegten!«
Niemand kann genau sagen, welchen Weg der Irak nehmen wird. Je länger die Besatzungstruppen im Land bleiben, desto geeinter wird der Widerstand gegen sie. Ziehen sie ab, stehen Milizen bereit zum Machtkampf um das Land und vor allem den unermesslichen Ölreichtum. Vielleicht wird eine halbwegs demokratische Regierung sich nach den Wahlen durchsetzen können und das Land sich beruhigen. Vielleicht wird es zerfallen und im Alptraum eines endlosen Bürgerkriegs versinken. Niemand weiß das heute, und es ist auch nicht die Absicht dieses Buches, ein Patentrezept für eine Befriedung von außen zu liefern. Denn es gibt keines. Uns geht es darum, zu erzählen, zu erklären, warum geschieht, was dort gerade geschieht. Nach welchen Regeln, Mythen, Mentalitäten die Menschen im Irak handeln. Und ein paar dieser Menschen, die wir über die Jahre kennen und mögen gelernt haben, in ihrer Verzweiflung, Sehnsucht und Würde lebendig werden zu lassen. Bei Abschluss des Manuskripts waren sie alle noch am Leben, und wir hoffen inständig, dass dies so bleibt.
Christoph Reuter, Susanne Fischer
29. August 2004
»Es ist ein so außerordentlicher Unterschied zwischen der Art, wie man wirklich lebt und wie man leben sollte, dass alle, welche bloß darauf sehen, was geschehen sollte, und nicht auf das, was wirklich geschieht, eher ihren Untergang als ihre Erhaltung erleben.«
Niccolò Machiavelli
Café Bagdad
Es versprach ein ruhiger Abend zu werden. Kein Regen, kaum Wind, am Himmel nur der stete Flammenschein der Raffinerie im Süden, der die Palmenblätter im Zackenprofil zeichnete und Bagdad wie jede Nacht aufs Neue aussehen ließ wie eine brennende Stadt. Nicht einmal das vertraute Geräusch der Detonationen verirrter Mörsergranaten aus dem amerikanischen Hauptquartier wehte herüber. Es war einer der ersten kühlen Winterabende und ruhig. Bis kurz vor Mitternacht.
Als die Ersten schießen. Von fern noch, aber bald rückt es heran: Einzelfeuer, Salven, Kalaschnikows, Pistolen, von allen Seiten. Es kommt näher. Vom Ufer? Von der Arasat, unserer so friedlichen Einkaufsstraße um die Ecke?
In der Gasse vor dem Haus: niemand. Die kurdischen Wächter von der Villa der Ministerin gegenüber sind wie vom Erdboden verschluckt. Aber auch das Rasseln vorrückender Panzer, das Quietschen beschleunigender Jeeps bleibt aus. Kurze Pausen, dann beginnt es wieder von neuem, wachsen die Schießereien und ihre Echos in den engen Straßen zu einer Woge des Lärms an, als ob Saddams letztes Aufgebot zum Endsturm auf die Innenstadt ansetzte und niemand sich ihnen entgegenstellte. Wir warten hinter zugezogenen Gardinen und streiten darüber, ob es angebrachter sei, unter dem Schreibtisch Schutz zu suchen oder draußen nachzuschauen, was los ist. Eine Dreiviertelstunde lang liegt Bagdad unter Feuer - doch niemand schießt zurück. Vielleicht ist Saddam gefasst worden, überlegen wir und schalten BBC ein. Nichts. Und draußen ist die Hölle los. Bis die Schüsse langsam verebben.
Plötzlich, ganz leicht nur, weht Jubel heran, Geschrei und verschwindet mit dem Widerhall der letzten Salven in der Nacht. Dann ist es still. Unheimlich und still. Die BBC berichtet aus Russland, keine Hubschrauber sind zu hören, niemand rast mehr durch die Straßen. Was war los?
Am nächsten Morgen, einem strahlend blauen Wintermorgen, kommt Ammar, unser irakischer Mitarbeiter, vollkommen entspannt und mit einem stolzen Grinsen um die Ecke: »Habt ihr gehört? Das 4:1? Gegen Südkorea!« Nicht Saddams Festnahme, nicht eine Großoffensive islamistischer Freischärler war die Ursache des nächtlichen Trommelfeuers - sondern die erfolgreiche Fußballpartie gegen Südkoreas Nationalelf. Einer der letzten Erfolge des deutschen Trainers Bernd Stange, den Saddams Sohn Uday, als Führer aller Sportvereinigungen des Irak, noch ins Land geholt hatte.
Der Krieg war gekommen, war vorübergegangen - und Bernd Stange war immer noch da. Es zeigte sich, dass die irakischen Kicker besser spielten denn je, ganz ohne Folter und Kerkerhaft, die ihnen früher nach jeder Niederlage drohten. Über das 4:1 gegen Südkorea und die Schießerei hat niemand im Ausland berichtet. Als Saddam Wochen später tatsächlich in seinem Erdloch gefasst wurde, meldeten die Fernsehsender einträchtig allgegenwärtigen Jubel und Geballere auf den Straßen Bagdads. Allein: Es stimmte nicht. Die Stadt blieb still, bis auf eine kleine Truppe, die wie ein bewegtes Testbild auf CNN wieder und wieder um denselben Platz lief.
Die Oberfläche verführt zur Täuschung. So, wie die Staubstürme des Frühjahrs und die Luftspiegelungen der endlosen, glutheißen Sommer das Auge in die Irre führen, verwirrt dieses Land. Weil es selten so ist, wie es scheint. Weil der Irak widersinnig, tragisch ist - und schön. Auch wenn einem das keiner glauben mag. Alles wäre hier möglich. Das Land blüht von selbst, der Regen fällt so satt vom Himmel, dass das Wasser tagelang noch teichgroße Lachen bildet. Dass die Schritte quietschen im kniehohen Gras und noch im Mai die Luft morgens milchig ist vom Dunst. Der Garten Eden soll im Südirak gelegen haben, wo die beiden Ströme Euphrat und Tigris sich zum Schatt al-Arab vereinen.
Verwundert reibt man sich die Augen: Eigentlich müssten nun doch alle froh sein. Der Diktator ist gestürzt, das Embargo aufgehoben, und die Zukunft kann nur freier werden als die Vergangenheit, weil es, vielleicht abgesehen vom Kambodscha der Roten Khmer, keinen Staat gegeben hat, der unfreier war als Saddams Reich. Die Menschen dürfen auf den Tigrisbrücken stehen (vorher verboten), dürfen Satellitenschüsseln installieren (vorher verboten), dürfen Parteien gründen, Kommunalwahlen abhalten (vorher undenkbar) und dabei mit Nein stimmen (vorher ein tödliches Unterfangen, wenn es um die Referenden über Saddams Amtszeit ging). Und das Land ist reich, verfügt über die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt, mit jeder Prospektierung kommen noch neue hinzu.
Es könnte friedlich werden. Aber das wird es eben nicht. Kann es nicht werden. Als wäre Joseph Conrad hier gewesen, wenn er schrieb vom »lenkenden Geist des Verderbens, der darin herrscht«.
»Qui tue qui?« - »Wer tötet wen?«, war vor zehn Jahren im algerischen Bürgerkrieg die alles beherrschende, wenn auch selten geklärte Frage. In Bagdad wird sie kaum noch gestellt. Vielleicht, weil zu viele umkommen. Vielleicht, weil das Dickicht der Gerüchte jede Suche nach den Verantwortlichen ins Leere laufen lässt. Wie der Gegenentwurf einer anderen Welt, in der das Grauen noch erschüttern kann, wirken in Bagdad die Nachrichten aus Madrid, wo noch Wochen nach den Bomben in den Vorortzügen täglich darüber berichtet wird. Bagdad hält, selbst als am heiligsten Feiertag der Schiiten eine Serie von Bomben hundertzweiundachtzig Menschen zerfetzt, kaum inne. Das Alltagsleben geht weiter. Das hat schon manchen davor bewahrt, den Verstand zu verlieren. In Bagdad zu leben heißt, in Rufnähe des Grauens zu wohnen. Wir tun es, fünf Millionen Bagdadis tun es, aber es ist ein gespaltenes Dasein zwischen Moderne und Barbarei, Internet-Cafés und Stammesfehden, Briefmarkensammlern und Selbstmordattentätern.
»Ruman«, Granatapfel, steht ebenso für entspannte Nachmittage in den Saftbars der Stadt, wo der frisch gepresste Granatapfelsaft in Bierhumpen ausgeschenkt wird, wie für eine Handgranate. Eine, wie sie der sunnitische Gotteskrieger aus der Tasche zog: »Falls ihr Verräter seid, werden wir alle sterben.« Bevor er in unser Auto stieg, um eine halbe Stunde lang auf der Fahrt durch Bagdads Straßen vom Kampf zu erzählen. Wobei der Krieg gegen die Amerikaner nur der erste Schritt sei: »Es wird einen Bürgerkrieg geben, denn es gibt mehr Schiiten als uns. Die werden uns alle umbringen. Wenn die Amerikaner rausgehen, müssen alle Sunniten nach Falludscha und Ramadi. Von dort aus werden wir kämpfen, und wahrscheinlich werden sie uns alle umbringen. Aber das ist es wert.«
Warum?
Weil sie, die Sunniten, dieses Land von alters her beherrscht hätten. Weil nichts kampflos aufgegeben werden dürfe. Weil es im Irak, wie es später in unserem Lieblingscafé ein alter Mann sagen wird, »immer einen geben muss, vor dem alle Angst haben. Sonst geht das Land unter«.
Der Krieg mag kurz gewesen sein und der oberflächliche Schaden gering. Saddam ist gestürzt. Aber mit ihm fiel auch die Illusion, dass der Irak ein in sich ruhender, stabiler Staat sei. Vorher war er ruhig, aber es war die Friedhofsruhe einer maßlos brutalen Herrschaft. Saddam hatte sie auf die Spitze getrieben. Aber er hat sie nicht erfunden, die Wurzeln liegen tiefer.
Dabei hatte alles einmal so glorreich begonnen. Im fruchtbaren Ackerland zwischen Euphrat und Tigris wurden vor Jahrtausenden das Rad und die bargeldlose Transaktion erfunden, die ersten Bibliotheken angelegt und exakte astronomische Berechnungen angestellt, entstanden Städte, Staaten, die Verträge schlossen, als die Stämme Mitteleuropas noch nicht einmal die Schrift kannten. Hammurapi, König von Babylon, ließ um 1800 v. Chr. die erste Gesetzessammlung in Stelen meißeln, um »Recht und Gerechtigkeit« einzuführen.