Er dürfte der einzige Herrscher Roms sein, der bis heute verehrt und betrauert wird. Den Altar im Forum Romanum, wo der Leib des Gemeuchelten an den Iden des März 44 v. Chr. feierlich verbrannt wurde, schmücken stets frische Blumen. Von kaum einer antiken Gestalt ging über die Jahrhunderte eine derartige Faszination aus wie von Gaius Iulius Caesar -- für die einen der Archetypus des skrupellosen Machtmenschen und Usurpators, für die anderen ein Erlauchter -- ja Erleuchteter -- mit dem Zeug zum gerechten König und Retter des Vaterlandes in den Zeiten des republikanischen Verfalls.
In der erklärten Absicht, eine Lichtung in das Jahrtausende alte Überlieferungsgestrüpp aus Apotheose, Apologetik und Desavouierung zu schlagen, hat Luciano Canfora Giulio Cesare. Il dittatore democratico geschrieben, der nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Anhand der literarischen Hinterlassenschaft und im Abgleich mit den äußerst widersprüchlichen historiografischen Befunden unterzieht der in Bari lehrende Altphilologe das gängige Caesar-Bild einer kritischen Prüfung. Er zeichnet dabei die wichtigsten Lebensstationen des politisch ambitionierten Sprösslings aus ältestem römischen Patriziergeschlecht nach, der es durch Charisma, Klientelismus, Populismus, Mäzenatentum und militärische Erfolge verstand, die Massen in einer Weise für sich einzunehmen, die von seinen Gegnern nicht anders als bedrohlich empfunden werden konnte.
In seinem ausgeprägten Bestreben um wissenschaftliche Redlichkeit, die auch eine eindeutige Position zu seinem Protagonisten nicht zulässt, ergeht sich Canfora bisweilen zu sehr in Quellenklauberei. Ein Wirrwarr aus Namen, Daten und Latinismen setzt überdies einiges an Vorbildung voraus, zumal der konzeptionell mustergültige Anhang des Buches mit Chronik, Glossar und Biografien bedauerlicherweise lückenhaft geblieben ist. Doch erlaubt gerade die Ambivalenz des Autors, die im Grunde schon im Buchtitel zum Ausdruck kommt, dem Leser eine ureigene (Neu-)Bewertung einer der umstrittensten Persönlichkeiten der Weltgeschichte. --Roland Detsch
Das historische Buch
Diktator im Spiegelkabinett der Überlieferung
Eine neue Caesar-Biographie von Luciano Canfora
«Den Caesar schreibend, das entdecke ich jetzt, darf ich keinen Augenblick glauben, dass es so kommen muss, wie es kam», notierte Brecht sich 1938 im Arbeitsjournal zu seinem unvollendeten Roman «Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar». Solche Selbstermahnung ist nicht von ungefähr: Die Versuchung deterministischer Geschichtskonstruktion gehört zu den Konstanten der Caesar-Interpretation. Immer wieder hat man Caesars politische Laufbahn, die mit dem Schritt zur Alleinherrschaft gewaltsam endete, um dann durch die Machtergreifung des Augustus gewissermassen «beerbt» zu werden, als das «notwendige» Ende der alten Republik beschrieben. Als habe Caesar zur Vollendung gebracht, was mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht «unabwendbar» war: die Transformation des römischen Staats von der Republik in die Monarchie. So höchst wirkungsmächtig gerade auch Theodor Mommsen, aus dessen Caesar-Biographie Brecht mit kritischem Seziermesser sein Material bezog. So implizit zumindest auch noch Christian Meier, der seine vielbeachtete Caesar-Biographie unter den Begriff der «Krise ohne Alternative» stellte.
Misstrauen gegenüber jedwedem historischem Determinismus hat sich hingegen Luciano Canfora bei seiner neuen Darstellung auf die Fahnen geschrieben. «Der Ausgang von Caesars politischem und militärischem Handeln war stets und insbesondere in den entscheidenden Momenten völlig offen» so lautet sein Einsatzpunkt. Für den Rest hält sich der italienische Altphilologe, der mit zahlreichen Arbeiten zur antiken Historiographie und zur Wissenschaftsgeschichte hervorgetreten ist, an die Überlieferung. Seine Caesar-Biographie ist vor allem anderen eine Auseinandersetzung mit den antiken Quellen und der an sie anschliessenden historiographischen Tradition. Durch sie ist Caesar «zum factum geworden», als Archetyp einer Macht- und Herrschaftsform, der sich im Begriff des Cäsarismus sedimentiert hat. Zu einem höchst kontroversen Faktum notabene das hat Karl Christ 1994 in seinen rezeptionsgeschichtlichen «Annäherungen an einen Diktator» vorgeführt.
Philologie
Canfora konzentriert sich vor allem auf zwei Deutungstraditionen: auf das «Interesse der Herrscher», die sich gern auf das cäsarische Vorbild bezogen wie exemplarisch Napoleon Bonaparte, der sich mit Caesar geradezu identifizierte , und auf die kritische Perspektive des «republikanischen Pessimismus», als dessen bedeutendste Vertreter im 20. Jahrhundert ihm die Doyens der althistorischen Caesar-Forschung, Matthias Gelzer und Sir Ronald Syme, gelten. Beide Deutungstraditionen bindet Canfora, teils kritisch, teils zustimmend, gleichsam als roten Faden in seine Darstellung ein. Das Hauptgewicht aber liegt bei den antiken Stimmen.
Die Biographie entstammt der Feder eines in genauem Lesen geschulten, mit quellenkritischem Spürsinn und kombinatorischem Scharfblick begabten Philologen. Darin liegen ihre Stärke und ihre methodische Originalität. Mehrstimmigkeit und Widersprüchlichkeit der antiken Zeugnisse über Caesars politische Laufbahn sowie die sehr konträren Urteile über seine Person und Wirkung werden narrativ, zum Teil auch in ausführlichen Zitaten, mit- und gegeneinander ins Spiel gebracht. Im Versuch der Entflechtung von historischem Informationsgehalt und interessegeleiteter Perspektive seiner Quellen gewinnt Canfora die Mosaiksteine seiner Schilderung. Ein schwieriges Unterfangen, denn diese Überlieferung war «von Anfang an manipuliert». Und doch: Hier werden interessante und neue Akzente gesetzt, in der Analyse der in der augusteischen «Fälscherwerkstatt» vorgenommenen Redaktion des Corpus caesarianum etwa oder in der Rekonstruktion der «anderen Wahrheit» des Asinius Pollio, der als Caesars militärischer Begleiter an allen Feldzügen des Bürgerkriegs teilnahm und dessen nur in wenigen Fragmenten erhaltene Darstellung der Ereignisse als Korrektur der propagandistischen Selbstzeugnisse seines Feldherrn von höchstem Interesse ist.
In der Konzentration auf die Texte liegt zugleich aber auch eine Beschränkung dieser Darstellung, die dem weniger informierten Leser die Lektüre erschweren dürfte. Häufig greift Canforas Diskussion der narrativen Entwicklung der Fakten vor und liefert diese erst später oder gar nicht nach. Die strukturellen und institutionellen Voraussetzungen politischen Handelns in der römischen Republik, das personale Macht- und Beziehungsgefüge, das soziale Spannungsfeld, die wirtschaftlichen Bedingungen werden nicht als Hintergrund exponiert, wie dies etwa Martin Jehne in seiner vor wenigen Jahren im gleichen Verlag vorgelegten knappen Monographie vorzüglich gelungen ist. Die als Appendix beigegebenen Kurzbiographien und das Begriffsglossar können diese Schwäche nicht ausgleichen, zumal man hier, da das Auswahlprinzip keiner Erklärung für wert erachtet wurde, häufig vergeblich nachschlägt. Die methodische Konzentration auf die Analyse der Texte erklärt wohl auch den Verzicht auf Auseinandersetzung mit der neueren deutschsprachigen Forschung, die den Blick gerade auf die Sozial- und Strukturgeschichte der ausgehenden Republik gerichtet und in den letzten Jahren verschiedene neue Darstellungen vorgelegt hat. Erfreulicherweise ist die deutsche Ausgabe immerhin durch ausgewählte Lektüreempfehlungen ergänzt worden.
Klare Konturen
Gleichwohl ist Canfora ein klar konturiertes Porträt gelungen, das zwar keine wesentlich neuen Züge aufweist, das jedoch durch seine nüchterne, jeder Heroisierung abholde Unvoreingenommenheit für sich einzunehmen vermag. Canforas Caesar ist von seinen Anfängen an Staatsmann und Politiker. Seine Karriere hat er mit den Zielen und Strategien «popularer», d. h. mit den Mitteln des Volkstribunats arbeitender Politik aufgebaut. Und er hat daran hart und systematisch gearbeitet. Fast zwanzig Jahre brauchte er, um den traditionellen cursus honorum zu durchlaufen und schliesslich, einundvierzigjährig, zum ersten Mal Konsul zu werden. Er hat diese Jahre und die verschiedenen Ämterstationen zielstrebig zu nutzen gewusst.
Canfora betont Caesars propagandistische Begabung, seinen Sinn für politische Symbolik und öffentlichkeitswirksame Selbstinszenierung. Seine Strategien des Stimmenkaufs durch direkte Wahlbestechung, durch Vergabe von Finanzkrediten, durch Veranstaltung prunkvoller Spiele und Gladiatorenkämpfe entsprachen als Mittel der Politik den Usanzen der späten Republik. Caesar hat sie jedoch ungemein radikalisiert, unter höchstem persönlichem Risiko. Um sich zum Pontifex maximus, in das höchste Priesteramt des Staates, wählen zu lassen, verschuldete er sich dermassen, dass ein negativer Wahlausgang sein politisches wie persönliches Ende bedeutet hätte. Caesar war sich, wie Canfora betont, der Bedeutung sakraler Funktionen in der römischen Politik bewusst dies trotz oder im Verein mit seiner intellektuellen Präferenz für die epikureische Philosophie. Das Schuldenkarussell war schliesslich so beschleunigt, dass er sein Amt als Statthalter in Gallien nur mit umfassender Bürgschaft antreten konnte. Doch eben dieses Statthalteramt bot ihm dann die Möglichkeit, sich durchgreifend zu sanieren. Und er nutzte sie.
Offenlegung
Das «Schwarzbuch des Gallischen Krieges» gehört sicher zu den wirkungsvollsten Abschnitten von Canforas Buch. Es legt die schon in der Antike skandalisierten Kosten der von Caesar aus egoistischem, innenpolitischem Kalkül in Gang gebrachten Romanisierung Nordwesteuropas schonungslos offen. Caesar nahm Massaker und Völkermorde ungeheuren Ausmasses in Kauf, ja setzte sie strategisch ein ein zentraler Aspekt seiner vielgerühmten Rationalität. Und er verschaffte sich in diesem und in den anschliessenden Kriegen die Reichtümer, die ihm bei der Durchsetzung seiner politischen Strategien unerlässlich waren.
Dreizehn Jahre lang hat Caesar im Wesentlichen Krieg geführt, davon entfielen fünf auf einen verlustreichen, blutigen Bürgerkrieg, den stabil zu beenden ihm nicht gelungen ist. In Rom war er nur selten präsent. Seine dortige Herrschaft, erst im Februar 44 v. Chr. durch die permanente Diktatur als unumschränkte abgesichert, war von zu kurzer Dauer, als dass ein kohärentes innenpolitisches Konzept hätte deutlich werden können. Immerhin, das betont auch Canfora, Caesar hat wichtige und weitsichtige, über die stadtrepublikanische Perspektive hinausreichende Reformen in Gang gebracht, in der Städte-, Kolonisations- und Bürgerrechtspolitik etwa und in der (projektierten) Gesetzeskodifikation.
Dass es Caesar von seinen Anfängen an um die Alleinherrschaft, gar um die Monarchie gegangen wäre, will Canfora nicht behaupten. Inwiefern allerdings Caesar ein «demokratischer» Diktator genannt werden kann, wird bis zum Ende seines Buches nicht einsichtig. Insgesamt aber ist hier gerade durch den konstanten Bezug auf die Spiegelungen der Überlieferung ein subtiles, in seinen rekonstruktiven Vollzügen transparentes Porträt der Person und des Politikers Caesar gelungen, dem ein Platz in der Diskussion zu wünschen ist.
Barbara von Reibnitz