Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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50 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der beste Film des Jahres, nicht für Jedermann, 5. August 2006
Regisseur Michael Haneke spaltet mal wieder, das ist hier sehr eindrucksvoll nachzulesen. Und tatsächlich verführt der Inhalt seines letzten Werks "Caché" geradezu, einen spannenden Psycho-Thriller zu erwarten. Der Ausgangspunkt des Films (der an Lynch's "Lost Highway" angelehnt ist) hätte in den 80ern locker einen typischen Michael Douglas-Thriller abgeben können. Aber Michael Haneke ist vom Mainstream so weit entfernt wie es nur geht, und auch "Caché" ist kein Zugeständnis an den Massengeschmack, sondern er macht aus diesem Stoff etwas ganz eigenes, sehr eigenwilliges. Wer keinen Zugang dazu finden mag, der muss es auch nicht, und er muss sich auch nicht persönlich beleidigt fühlen.
Zum Inhalt: der TV-Redakteur Georges (Daniel Auteuil) erhält anonyme Videobänder, die sein Haus zeigen, das permanent gefilmt wurde. Wer steckt dahinter, und was will er?
Mehr muss man nicht erzählen, zumal Haneke sich natürlich einer klaren Auflösung der Geschichte entzieht. Ihm geht es darum, dem Zuschauer Raum zu geben für eigene Interpretationen, für das Erfassen kleiner Indizien, die sowohl psychologischer als auch politischer Natur sein können. Der Algerien-Konflikt, das ewige Reizthema und Tabu der Franzosen, spielt eine entscheidende Rolle im Trauma, das unter den Absichten des Unbekannten liegt (man beachte die letzte Einstellung des Films während des Abspanns, dort wird zumindest thematisch etwas sehr deutlich). "Caché" handelt von Schuld und Sühne, und von der Frage, in wie weit Schuld sich auf nächste Generationen übertragen kann. Daneben entwirft Haneke auf schon typische Weise Szenen, in der die Kommunikationslosigkeit der Figuren auf den Punkt gebracht wird. Als Juliette Binoche (großartig in ihrem absolut realistischen Spiel) ihrem Sohn die Situation erklären will, unterstellt er ihr eine Affäre. Das schützende Schweigen der Eltern führt zu Missverständnis und Ablehnung (oder hat sie doch eine Affäre? Auch hierfür gibt es Hinweise, aber keine Antwort). Und nicht zuletzt ist "Caché" auch eine Warnung vor der immer stärker in unser Privatleben eindringenden Überwachungsmentalität. Wie einfach ist es, einen gutsituierten Menschen in nur wenigen Tagen zu zerstören, wenn wir wissen, wo sein wunder Punkt liegt. Wie stark muss eine Beziehung sein, dass sie Psycho-Terror auf Dauer aushält (klare Antwort: dagegen ist jede Beziehung machtlos)?
Die große Überraschung ist: trotz all dieser Elemente und der schon gewohnten Sperrigkeit der Inszenierung ist dies auf seltsame Art Hanekes "unterhaltsamster" Film, wenn man dieses Wort gebrauchen will. Er entwickelt eine große psychologische Spannung, und gerade sein Verzicht auf jegliche Klischees und Versatzstücke des Genres macht ihn unvorhersehbar. Zwar laden die Figuren nicht zur Identifikation ein (und sollen es auch nicht, Haneke stellt dar und lädt nicht ein), aber sie sind so gut entworfen und gespielt, dass man sehr nah an ihrem Schicksal dran ist - wenn man möchte. Er ist mit einfachsten Mitteln gedreht. So gibt es z.B. minutenlange starre Einstellungen von Auteuils Haus, die sich erst später als Teil der Video-Botschaft entschlüsseln, die gerade betrachtet wird. Das kann den Zuschauer, der einen "normalen" Thriller erwartet, natürlich schnell zur Raserei bringen.
Zu Recht hat Haneke für "Caché" mehrere Preise gewonnen. Hier ist ein Regisseur, der sich konstant weigert, den einfachen Weg zu gehen und das Medium Film als Kunstform betrachtet. Dass "Caché" darüberhinaus noch spannende, intelligente Unterhaltung ist, macht ihn so großartig.
Zur DVD: Der Film liegt im anamorphen Widescreen-Format und der deutschen und französischen Sprache vor, wobei die deutsche Synchronfassung absolut zu meiden ist. Besonders Jürgen Heinrich ist als Stimme von Daniel Auteuil vollkomen fehlbesetzt. Unter den Extras befinden sich ein Interview mit Michael Haneke, das man sich auch ansehen sollte, wenn man den Film ablehnt (um zu sehen, worum es ihm geht), und ein recht interessantes Making Of, das mehr ein "Behind the Scenes" ist. Ein Wort zur FSK-Freigabe ab 12: hier zeigt sich wieder einmal, dass die FSK keinen blassen Schimmer davon hat, was sie eigentlich tut. Natürlich ist die Gewalt in "Caché" alles andere als exzessiv, aber Thema, Ton und Inszenierung wenden sich eindeutig an ein erwachsenes Publikum, und zwei unerwartete Schock-Momente, die Haneke geschickt einsetzt, können sehr verstörend wirken.
Für mich persönlich war "Caché" der beste Film des Jahres, ein Film, der den Zuschauer ernst nimmt, nicht bevormundet (Hanekes Hang zur Zeigefinger-Pädagogik ist kaum vorhanden) und ihn eigene Schlüsse ziehen lässt.
Und eine letzte Bemerkung: dass das Wort "intellektuell" offenbar mittlerweile hierzulande ein Schimpfwort ist, das ist eine ganz traurige Nachricht und sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Schade!
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29 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kulturelle Erbsünden, 22. Juli 2006
Michael Haneke kann man in seinen Filmen stets eine gewisse intellektuelle Verquastheit und eine damit korrellierende emotionale Distanz zum Vorwurf machen. Seine Filme sind oft unter dem Aspekt des Probehandelns zu sehen, sie weisen allegorisch stets über den eigenen Figurenhorizont heraus. "Cache" bildet da keine Ausnahme, interessant ist dabei allerdings, dass der Film genau die intellektuell-kulturelle Elite harsch kritisiert, die er vermutlich ansprechen möchte.
Eine ruhige Straße in Paris, gutbetuchte Umgebung. Die Kamera steht unbewegt an einem scheinbar willkürlichen Ort auf der Straße, beobachtet still. Autos fahren vorüber, ein paar Stimmen ertönen, ein Mann verlässt ein Haus. Pause. Das Bild flackert. Das eben Gesehene läuft rückwärts. Pause. Dieselben Autos fahren wieder vorbei, dieselben Stimmen ertönen, derselbe Mann verlässt sein Haus. So eröffnet der Film sein Experiment, und was wir sehen, das ist ein Video, das Georges und seiner Frau zugeschickt wurde. Darauf zu sehen ist Georges' Haus, und der Mann, der es verlässt, ist Georges.
Georges ist ein erfolgreicher Mann, er leitet eine Literatursendung im Fernsehen, seine Frau ist bei einem Buchverlag tätig. Man unterhält sich gepflegt mit den kultivierten Freunden am Glastisch im Speisezimmer über Literatur und Kunst, umringt von Büchern, die sich bis zur Decke stapeln. In diese kulturelle Elitelandschaft inmitten von Paris platzen die anonym verschickten Videokassetten hinein, eine nach der anderen: Georges' Haus, Georges' Heimatort, dazwischen ein Kind, das Blut spuckt. Nach und nach schickt sich eine verdrängte Geschichte aus Georges' Kindheit an, das gepflegt-betuchte Leben von innen heraus zu zerstören, eine Geschichte, in der der sechsjährige Georges seinen neu aufgenommenen algerischen Adoptivbruder durch Lügen zurück ins Heim verfrachten lässt. Er hat ihn ja schließlich von Anfang an nicht gemocht, und Himmel, er ist doch erst sechs gewesen!
Die Videos nun zwingen Georges, dieser seiner Vergangenheit zu begegnen. Der Absender der beängstigenden Post bleibt dabei bis zum Ende ungenannt. So erscheinen die Filme vielmehr wie das objektgewordene Gewissen Georges'. Und dieser muss erneut an seiner Angst, das philisterhafte Leben als gerühmter Intellektueller zu verlieren, scheitern, der Adoptivbruder deshalb ein zweites Mal sterben. Nur einen Unterschied gibt es diesmal: Auch Georges ist Verlierer. Denn er verliert die Gewissheit der Sicherheit, und immer häufiger tritt der Junge mit dem blutenden Mund auch in seinen Träumen auf.
Die konstante Weigerung des Films, irgendeine materielle Erklärung für das Geschehende anzubieten, zwingt die Gedanken des Zuschauers geradezu ins Symbolische. Und so erscheint denn auch Georges' ganzer kühl-rationeller Lebensstil in seiner Selbstzufriedenheit als eine Ware, für die immer wieder im Kleinen ein großer Preis bezahlt wird. In Georges' Fall zahlt ihn dessen Adoptivbruder. Und dessen Sohn wiederum hat ihn auch noch zu zahlen. Der Film moralisiert in dieser Hinsicht sehr stark, aber er bleibt dabei angenehm subtil, überlässt das Moralisieren selbst dem Zuschauer und gibt ihm nur die nötigen Mittel dazu in die Hand. So nüchtern beobachtend wie es die Videobänder sind, ist es der ganze Film. Die moralischen Bezüge entstehen erst im Kopf des Zuschauers. In dieser Subtilität funktioniert der Film grandios und ist auf seine Weise hinsichtlich der Härte seines impliziten Urteils gnadenlos.
Als sich Georges auf einer Toilette seiner Fernsehanstalt mit dem Sohn seines Adoptivbruders konfrontiert sieht und diesem antwortet, er habe jetzt keine Zeit für ihn, erwidert der junge Mann jäh: "Ja, das könnt ihr gut: lügen!" Hier fällt zum ersten und einzigen Mal das Wort "ihr", der Zuschauer fühlt sich angesprochen. Und ist gezwungen, die Menschlichkeit hinter den Bücherregalen und Glastischen hervorzukramen. Sofern sie dort noch liegt. Georges jedenfalls hat die seine wohl nicht mehr finden können.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Alltag, Wahrnehmung, Realität, Verunsicherung, 18. Juli 2007
Auf den ersten Blick geht es um ein "normales" Paar (großartig: Daniel Auteuil und Juliette Binoche), um eine "normale" Familie. George (Daniel Auteuil) müsste eigentlich glücklich oder zumindest zufrieden sein, denn er hat alles, was Garanten für ein Leben in Harmonie darstellen könnten. Einen zwölfjährigen Sohn, eine schöne Frau (Juliette Binoche), einen netten Freundeskreis und einen Job beim Fernsehen als Literaturkritiker. Aber gleich zu Anfang bringt der Film ein beunruhigendes Element ein, was dies alles in Frage stellen lässt. Seit einiger Zeit erhält George, ähnlich wie in Lost Highway, Videokassetten, auf denen sein Haus zu sehen ist und das Kommen und Gehen seiner Familie. Eingewickelt sind die Bänder in blutige Zeichnungen.
Die Alltagsnormalität, der sich alle hingegeben beziehungsweise mit dieser arrangiert haben, ist brüchig. Es gibt etwas in der Vergangenheit von George mit der er eigentlich nicht abgeschlossen oder diese eher verdrängt hat (im Sinne von dem Film Magnolia: "Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber diese nicht mit uns"). Durch die Verunsicherung, die sich langsam breit macht, wird auch die Beziehung von George und Anne in Frage gestellt. Eigentlich haben sie nebeneinander hergelebt, was sie verbunden hat, das war nur noch der Alltag und seine Pflichten.
Es ist großartig wie Michael Haneke in diesem Film Wahrnehmung und Realität in Frage stellt und den Zuschauer mit einbezieht. Mehr sollte zu diesem geheimnisvollen Film nicht verraten werden.
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