„Es gab einmal ein Dorf; für Menschen mit gutem Gedächtnis, ist es nicht lange her, und für solche, die gut ausschreiten können, nicht weit fort. Großholzingen hieß es." Mit diesen Worten lädt eine filmbekannte Stimme die Zuhörerschaft zur akustischen Reise in einen abgeschiedenen Flecken von Mittelerde ein. Sie gehört Joachim Höppner, besser bekannt als deutscher Synchronisator von Sir Ian McKellen alias Gandalf im Herr-der-Ringe-Epos.
In Großholzingen dreht sich das Leben vor allem ums Kochen. Wenig wunder, dass der Küchenmeister einen angesehenen Platz im Dorfleben einnimmt. Alle 24 Jahre fällt ihm die ehrenvolle Aufgabe zu, den Großen Kuchen für das „Fest der guten Kinder" zu backen. Diese Süßigkeit wird mit 24 Talismanen versehen, die den Mädchen und Jungen, die sie verschlucken, Glück bringen sollen. Doch diesmal ist ein 25. Glücksbringer im Teig, ein Elbenstern, beigemengt von Alf, einem gar geheimnisvollen Küchenlehrling. Wenige Monate nach dem Fest stellt sich heraus, dass der Sohn des Schmieds den Stern samt einem Stück Kuchen aß. An seinem 10. Geburtstag beginnt der Junge wunderbar laut und klar zu singen, wenngleich in unbekannter Sprache. Der Stern - strahlend wie poliertes Edelmetall - fällt aus seinem Mund in seine Hand.. Voller Aufregung schlägt der Bub das Zauberstück an die Stirn, wo es haften bleibt. In fremdartigem Glanz bringt der magische Stern die Augen des Kindes fortan zum Strahlen. Und er verleiht dem Träger ein hohes Maß Geschicklichkeit in der Schmiedekunst. Bald schon heißt es über den Schmiedsohn: „Er konnte Eisen in Formen bringen, die leicht und zart aussahen - wie ein Hauch von Blättern und Blüten -, aber sie bewahrten die strenge Kraft des Eisens oder schienen eher noch härter."
Nicht nur hohe Handfertigkeit beschert der Stern dem Träger, er verschafft auch Zutritt ins Reich der Elben. Wenigen Menschen auf Mittelerde ist solch Geschenk gegönnt. In den folgenden Jahren macht der Schmiedsohn von der Magie des Sterns oft Gebrauch. Mehrfach bricht er auf an die gefährlichen Gestade des Elbenvolks. Erst muss er die äußeren, später die inneren Berge überwinden, schweren grauen Dunst durchschreiten, der Wut des Windes trotzen oder einen See aus rotem Licht, härter als Stein und glatter als Glas, überqueren. Doch: „Die kleineren Übel mied der Stern, und die großen blieben ihm fern." So geschieht es, dass der Schmied die Pracht des Baums der Könige zu sehen bekommt, einer weinenden Birke Trost zuspricht und letztlich im Tal von Immermorgen den Tanz mit einer wunderschönen Maid wagt.
24 Jahre leistet der Stern ihm gute Dienste. Doch dann erscheint ein Wanderer im Wald, gehüllt in Kapuze, ganz in grün gewandet. Seine Stimme klingt vertraut, zugleich auch fremd und majestätisch ...
J.R.R. Tolkien verfasste „The Smith of Wootton Major" 1967, es war das Spätwerk eines bereits kranken Mannes, dem aber immer noch die Freude am Fabulieren innewohnte. Die Geschichte kann so oder so aufgenommen werden, als Märchen für Kinder oder aber als erwachsenengerechte Parabel wider Hochmut und Überheblichkeit; der „Elbenstern" als Symbol für die Einsicht, dass alles im Leben nur geliehen ist.
Tolkien liebte das Landleben, das gute Essen sogar noch mehr. Den Elben hingegen bringt er in allen Erzählungen tiefen Respekt entgegen. Im „Schmied von Großholzingen" kommt dies alles zum literarischen Ausdruck. Die feiernden Dörfler erinnern an die unbekümmerten Hobbits vom Auenland, welche von der „Welt draußen" wenig mitbekommen. Macht und Zauber der Elben rücken Großholzingen hingegen nahe an William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum", wo Titania und Oberon der Geschicke Lenker sind.