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CONTERGAN/THALIDOMID. Ein Unglück kommt selten allein
 
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CONTERGAN/THALIDOMID. Ein Unglück kommt selten allein [Taschenbuch]

Catia Monser


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Produktinformation


Produktbeschreibungen

PHARMA-BRIEF; Nr. 1, Jan/Feb 1994, S. 3

32 Jahre nach Contergan Catia Monser hat ein wichtiges Buch über die wohl größte, aber keineswegs einzige Arzneimittelkatastrophe geschrieben. Das ist alles lange her, mag manche(r) sagen, doch allein in Deutschland leben noch ungefähr 2800 Opfer (mehr als die Hälfte ist gestorben). Wichtig ist dieses Buch auch, weil sich die Pharmaindustrie immer wenig für ihre Fehler von gestern interessiert hat. Das wäre aber nötig, um Fehler nicht immer zu wiederholen. Catia Monser schreibt faktenreich, hat viele Zeitungsartikel im Buch reproduziert und dröselt die zahlreichen Skandale im Verlauf dieser Katastrophe minutiös auf. Es sei nicht verschwiegen, daß es sich um ein zorniges Buch handelt - kein Wunder, Catia Monser ist selbst betroffen. Aber viel von dem Zorn überträgt sich auf den/die Leserln. 1958 schickte Grünenthal an rund 40.000 ÄrztInnen eine Broschüre, die folgenden Text enthielt: "In der Schwangerschaft und Stillperiode steht der weibliche Organismus unter großer Belastung. Schlaflosigkeit, Unruhe und Spannungen sind beständige Klagen. Die Gabe eines Sedativums-Hypnotikums, das weder Mutter noch Kind schädigt, ist oft notwendig. Ein Arzt hat vielen Patientinnen in seiner gynäkologischen Abteilung und in seiner geburtshilflichen Praxis Contergan und Contergan-forte gegeben." Zu dieser Zeit war zwar die fruchtschädigende Wirkung noch nicht erkannt, aber ebenso wenig wußte die Firma über die Unbedenklichkeit des Mittels. Liest man dann im Einstellungsbeschluß des CONTERGAN-Prozesses, daß Verfahrensbeteiligte "ungewöhnlichen schweren und langen seelischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt gewesen" seien, so ist keineswegs von den Opfern die Rede, sondern von den Verursachern der Katastrophe. Schlimmer noch: "Sie verdienen deshalb menschliches Verständnis und Nachsicht", so das Gericht. Catia Monser beschränkt sich nicht auf die Aufarbeitung der Vergangenheit, sie versucht allgemeinere Schlüsse auf die Gegenwart zu ziehen, so z. B. auf die Folgen mangelhafter Erfassung von Nebenwirkungen, die Geheimniskrämerei der Industrie, aber auch auf unseren ungebremsten Medikamentenkonsum. Ein spannendes Buch, das manchmal zum Widerspruch herausfordert, aber auf jeden Fall nachdenklich macht - und wie unser Leitartikel zeigt, ist das Thalidomid-Problem noch höchst aktuell. (JS)

Dr. med. Mabuse; Nr. 92, Oktober/November 1994, S. 55/56

Anders als der Titel verheißt, wird in diesem ersten Buch einer Conterganbehinderten über den weltweit größten Arzneimittelskandal nachgewiesen, daß der Fall Contergan kein unvermeidbares Unglück, sondern ein berechenbarer, auf Profitdenken beruhender Skandal war. Diese Erkenntnis über den ersten Störfall der Pharmaindustrie, der Anfang der 60er Jahre allein in der BRD zur Geburt von über 5.000 Kindern ohne Arme, Beine oder mit anderen Behinderungen führte und als weitere Nebenwirkung zahlreiche Nervenerkrankte hinterließ, ist nicht neu. Sie wurde den Contergan-Behinderten spätestens mit der Entdeckung der deutschen Übersetzung des schwedischen Buches von Sjöström und Nilsson, "Contergan oder die Macht der Arzneimittelkonzerne", verschafft. Aber wir mußten schon suchen, um an dieses Buch heranzukommen, denn nicht im Tatortland BRD, sondern in der conterganfreien Zone DDR erschien 1975 die Lizenzausgabe. Erst zur Vorbereitung des "Krüppel-Tribunals" 1981, auf dem auch die Machenschaften der bundesdeutschen Pharmaindustrie als Menschenrechtsverletzung gegen Behinderte angeklagt wurden, stieß ich darauf und durchlief beim Lesen einen ernüchternden Aufklärungsprozess. Wir "Contergan-Kinder", die überlebt haben (1993 wurden 2869 registriert), wuchsen tatsächlich mit dem Märchen vom unvermeidbaren Unglücksfall Contergan auf. Die Vergangenheitsbewältigung im Conterganskandal verlief spezifisch bundesdeutsch: Die Eltern verdrängten und den Kindern wurde ein "Was sollte man schon machen?" mit auf den Weg gegeben. In den eigenen Verbandsreihen stiftete die Entdeckung des Buches und die sich daran anschließenden Nachforschungen erhebliche Unruhe, in der Öffentlichkeit blieb das Buch hingegen weitgehend unbeachtet. Heute wissen nur noch wenige, daß die Pharmafirma "Grünenthal", die Contergan auf den Markt brachte und sich daran eine goldene Nase verdiente, mit erheblicher krimineller Energie für jeden Monat, die das Medikament Contergan auf dem Markt blieb, kämpfte und mit atemberaubender Prozeßtaktik das bis dahin längste Strafverfahren in Europa zur Einstellung brachte. Nur wenige wissen, daß "Grünenthal" mit einer einmaligen freiwilligen Spende von 100 Millionen Mark davongekommen ist. Es mußten noch einmal fast 20 Jahre vergehen, bis die Hintergründe und Folgen des Conterganskandals auch in deutschen Originalen nachgelesen werden konnten. Catia Monser hat mit ihrem im Selbstverlag erschienen Buch vor allem zwei Dinge geleistet: Sie hat die aufklärenden Arbeit von Sjöström und Nilsson aktualisiert und der Öffentlichkeit erneut zugänglich gemacht, und sie hat einen beachtlichen Pressespiegel von den anfänglichen Schlagzeilen über Monsterbabies bis zu den ersten Meldungen über "tüchtige" Conterganmütter zusammengestellt. Ihre ausführliche Aufklärungsarbeit beschränkt sich nicht auf die Darstellung des Verhaltens der Täterfirma Grünenthal damals und heute, auch die zwielichtigen Entwicklungen innerhalb des von EItern gegründeten und nun von Behinderten selbst geführten Conterganverbandes nimmt sie ins Visier. Der Frage, warum der Verband so schnell seinen Frieden mit Grünenthal schloß, beantwortet die Autorin und langjährige Mitarbeiterin des Verbandes mit interessantem Insiderwissen. Catia Monser hat sich nicht mit dieser verdienstvollen Aufklärungsarbeit in Sachen Contergan begnügt. Mit ihrem Buch versucht sie darüber hinaus einen Feldzug gegen den bedenkenlosen Griff ins Medikamentschränkchen, gegen die Profitinteressen der Pharmaindustrie und gegen verantwortungsloses Verschreibungsverhalten der Ärzteschaft. Im Wechselbad von Anklagen und Beschwörungen nehmen ihre Ausführungen dabei gelegentlich nicht nur schwer verdauliche pastorale Züge an, es führt auch zu Unklarheiten bezüglich des Standpunkts der Verfasserin. Mal empört sie sich über die niederträchtigen Mafiamethoden der Pharmaindustrie, mal setzt sie auf das Prinzip Hoffnung durch verantwortungsvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten. Catia Monsers Buch hat starke Konkurrenz. Der Starjournalist Gero Gemballa hat anläßlich seines Fernsehfilms "Der dreifache Skandal. 30 Jahre nach Contergan. Eine Dokumentation." bei Luchterhand als Nebenprodukt ein gleichnamiges Buch herausgebracht. Das Werk des auf investigativen Journalismus spezialisierten Fachmanns liest sich spannend und ist leicht verdaulich, Durch die Nachzeichnung der Lebensgeschichte von am Gerichtsverfahren beteiligten Personen werden auch neue Erkenntnisse vermittelt. Während der nichtbehinderte Starjournalist aus der Contergangeneration im Vorwort darauf verweist, daß man nicht contergangeschädigt sein muß, um zu dokumentieren, beweist sein Buch allerdings, wie sehr der eigene Status auch dokumentarische Arbeiten beeinflußt. Mit dem Abdruck von Bildern nackter Contergankinder und ihrer Beschreibung als "Fälle von Mißbildungen" setzt Gero Gemballa die Demütigung fort, die den meisten in ihrer Kindheit mit diesen "dokumentarischen Fotografien" angetan wurde. Kaum erträglich sind die weit aufgerissenen angstvollen Augen der Kinder und der gewalttätige Blick der Kamera auf die "mißgebildeten" Arm- und Beinstummel, das Geschlechtsteil dabei voll ins Visier nehmend. Zurecht verwehrt sich Catia Monser gegen diese Verletzung der Menschenwürde der Betroffenen. Die von ihr benutzten Abbildungen zeigen überwiegend sie selbst oder sind anonymisiert. Die Darstellung ihrer eigenen Geschichte und Erfahrungen im Zusammenhang mit der Conterganbehinderung, macht ihr Buch auch zu einem Zeitdokument. Die Probleme mit den sich nun allerseits einstellenden körperlichen Spätfolgen der Conterganbehinderung oder auch die Konflikte, die nicht wenige Conterganbehinderten mit den Eltern haben, weil diese mit den Abfindungszahlungen unverantwortlich umgegangen sind, wurden bislang nur verbandsintern dokumentiert. (Theresia Degener)

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