Die Warnung vor dem falschen Gebrauch dieses Buches steht richtigerweise gleich zu Beginn: Kreative, die Ideen kupfern müssen, sollten sich überlegen, ob sie den richtigen Job haben. Daraus abzuleiten, andere Arbeiten zu kopieren, sei an sich schlecht, wäre allerdings fatal. Denn durch Imitieren großer Meister lernen wir noch immer am meisten und schnellsten. Wer das bezweifelt, muss nicht zwingend neurowissenschaftliche Forschungsberichte lesen, sondern kann auch die unterhaltsamere Version von Künstlerbiographien wählen. Dort wird er unweigerlich auf unzählige Geschichten stoßen, die davon erzählen, wie sich so genannte Genies in der Kunst des Nachahmens übten. Allerdings, und das ist der Punkt, haben sie ihren Vorbildern Tschüss gesagt, nachdem sie deren Muster verinnerlicht hatten und so weit waren, dass sie aus den Vorlagen eigenen Varianten bilden konnten. Varianten, die dann irgendwann zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil führten. Mit anderen Worten: Dieses neue Buch von Mario Pricken ist ein Gefahrenherd und eine Fundgrube zugleich. Wer sich dem Mittelmass verschreibt, begnügt sich mit dem Kopieren - wer es zum Meister bringen will, entwickelt aus guten Ideen seinen eigenen Stil. Und gute Idee hat es in diesem Wälzer zuhauf.
Mario Pricken hat es sich zur Aufgabe und zum Geschäft gemacht, für eine so undefinierbare Sache wie die Kreativität Ordnungsmuster zu suchen, die sich anderen Menschen vermittelt lassen. Dieser pädagogische Aspekt seiner Tätigkeit führt dazu, dass er nicht nur nachahmenswerte Beispiele liefert, sondern diese auch kommentiert und Fragen stellt, deren Beantwortung Impulse auslösen. Und wie jeder Lehrer weiß, ist es gar nicht so einfach, gute Fragen zu stellen. Doch weil Mario Pricken auf diesem Gebiet inzwischen reichlich Erfahrung hat, sind seine Texte schließlich ebenso gut wie seine Auswahl der Beispiele. Zudem scheut er sich nicht davor, heiß geliebte Gewohnheiten und Mythen der Kreativbranche in Frage zu stellen. Etwa die Eigenart, Auftraggeber nach dem Briefing vom kreativen Prozess auszuschließen und im stillen Kämmerlein dem Geniekult zu frönen. Auch die Verhinderer einer offenen Fehlerkultur, Sicherheitsfanatiker, Teamverächter, Daueroptimisten oder Oberegomanen kriegen in den sechs Kapiteln ihr Fett ab.
Im Untertitel wird darauf hingewiesen, dass sich dieses Buch über strategisches Ideenmanagement nicht nur an Werber richtet, was in der heutigen Zeit der Vermischung und interdisziplinären Zusammenarbeit auch Unsinn wäre. Impulse finden Marketer, Medienfachleute, Designer, Drehbuchschreiber, Fotografen, Verpackungskünstler, Ladeneinrichter, Messestandbauer, Signaletiker, Museumskuratoren, Eventveranstalter, Architekten, Kommunikationsverantwortliche und letztlich alle, die sich mit der Frage beschäftigen, was eine gute Geschichte ausmacht und wie sie umgesetzt werden soll. Da Neugier zur Grundausstattung eines Kreativen gehört, wird man auf den gut 300 Seiten natürlich auf Bekanntes stoßen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass selbst die eifrigsten Mustervorlagen-Sammler von der Fülle an neuen Beispielen überrascht sein werden. Zudem ermöglichen die Fragen und eine andere Einbettung Blickwinkel, die ihrerseits wieder Impulse sind.
Müsste ich einen roten Faden benennen, der sich durch das ganze Buch hindurchzieht, so wäre es wohl die Lust am Spielerischen. Man mag es beklagen, dass in der heutigen Informationsflut selbst überlebensnotwendige Botschaften aufbereitet werden müssen. Besser ist jedoch, wenn man dies akzeptiert und nach Lösungen sucht, wie ich in die Köpfe der Menschen gelange. Zumal es jammerschade ist, wenn sich Unsinniges schneller als Sinnvolles verbreitet kann, nur weil es in einer besseren Verpackung daherkommt. Da der Verlag Hermann Schmidt in Mainz diese Auffassung selbstverständlich teilt, heimsen Bücher aus seinem Programm regelmäßig Preise für gute Gestaltung ein.
Mein Fazit: Geht Mario Pricken in seinem Longseller "Kribbeln im Kopf" auf den ersten Blick noch systematischer vor, weil er kreative Ordnungsmuster mit Titelüberschriften gleichsetzt, verzichtet er hier auf allzu enge Kategorisierungen. Das finde ich deshalb gut, weil das Thema bei aller Nähe zu seinem Erfolgswerk eben doch ein anderes ist. Ein Buch über strategisches Ideenmanagement muss sich mit Fragen beschäftigen, die viele Antworten haben und deshalb auch nicht mit einem Sachregister erfasst werden können. Daher haben sich Mario Pricken und sein Team für das Setzen wichtiger Impulse entschieden, die durch eine hervorragende Auswahl von Beispielen die vielen Botschaften veranschaulichen.