Rom Brafman ist Psychologe, Ori Brafman Unternehmensberater mit Spezialisierung auf die innere Organisation von Unternehmen. Beide leben in Kalifornien. Ihr letztes gemeinsames Buch handelte davon
wie unser Bauchgefühl uns in die Irre führt - und was wir dagegen tun können. In ihrem neuen Buch wenden sich die Beiden den zwischenmenschlichen Beziehungen zu. Normalerweise brauchen wir länger, um Vertrauen zu einer anderen Person aufzubauen. Manchmal jedoch scheint der berühmte Funke sehr schnell überzuspringen. Was sind die Faktoren, die eine unmittelbare Vertrautheit zwischen zwei Menschen begünstigen? Die Brafman-Brüder haben fünf Kriterien identifiziert, die sie in einzelnen Kapiteln genauer unter die Lupe nehmen: Verletzlichkeit, Nähe, Resonanz, Gleichartigkeit, ein sicherer Ort.
Verletzlichkeit - Hier werden die fünf unterschiedlichen Interaktionsstufen analysiert. Eigentlich kennen wir das doch alle: wie gehen wir mit Menschen um, die wir gerade eben erst kennengelernt haben. Gibt man zu früh zu viel Privates preis, schafft man eher mehr Distanz, verschreckt das Gegenüber. Erst in der vierten Stufe der Interaktion wird Persönliches weitergegeben. Doch nur mit wenigen Menschen betreten wir die fünfte Stufe, auf der wir unsere innersten Gefühle preisgeben. Die Autoren bringen hier interessante Beispiele, die von einem professionellen Vermittler der Polizei für Krisensituationen (Geiselnahme, etc.) bis hin zum ersten Wahlkampf von Bill Clinton reichen. Ein US-Präsidentschaftskandidat, der sich verletzlich zeigt, das war früher einmal undenkbar, und doch hat es funktioniert.
Nähe - Spontane Interaktionen und passive Kontakte. Wie scheinbar flüchtige Interaktionen langfristig ihre Wirkung entfalten. Anstatt den Arbeitstag effizienter zu gestalten, wäre es manchmal sinnvoller an einer Besprechung persönlich teilzunehmen anstatt übers Telefon, oder man bringt eine Nachricht persönlich vorbei anstatt eine Email zu schreiben.
Resonanz - Wahrhaft präsent sein, wahrhaft mit jemandem verbunden sein. Auch hier werden die einzelnen Faktoren genau unter die Lupe genommen. Des Weiteren gehen die Autoren hier unter anderem auf die sogenannten Spiegelneuronen ein.
Gleichartigkeit - Der gleiche Name, das gleiche Geburtsdatum oder auch gemeinsame Erfahrungen im gleichen Umfeld. Ingroups (Wir-Gruppe): Gespräche, die Ähnlichkeiten offenbaren, lösen anscheinend automatisch eine Ingroup-Reaktion aus. Ich sammle Postkarten - Sie auch? Ich habe einen Vierbeiner - Sie auch?
Ein sicherer Ort - Hier wird am Beispiel Industriegesellschaft einerseits und Schwitzhüttenritual andererseits die Bedeutung von Umgebungsfaktoren, von sozialem Umfeld gezeigt. Gemeinsam durchgestandene Schwierigkeiten können wesentlich zu einem Gemeinschaftsgefühl beitragen.
Weiter geht es mit der Frage, ob es sogenannte Naturtalente gibt. Menschen, denen es leicht fällt Kontakte herzustellen. Haben die Persönlichkeitstheoretiker Recht, die meinen, dass Menschen immer in Übereinstimmung mit ihren angeborenen Charaktermerkmalen reagieren, oder die Behavioristen, die davon ausgehen, dass Verhalten erlernbar ist?
Abgerundet wird das Buch durch mehrere Seiten von Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln. Darin sind auch weiterführende Literaturtipps oder Hinweise auf Studien sowie Artikel in Fachzeitschriften enthalten.
Mein Fazit: Keine spektakulären neuen Erkenntnisse. Man findet hier etwas Bekanntes, das eingehend analysiert wird. Es mag auch Leser geben, die den Inhalt offensichtlich finden. Persönlich fand ich dieses Buch interessant. Locker und gut lesbar geschrieben. Klar strukturiert und mit vielen unterschiedlichen Beispielen nähern sich die Brafman-Brüder dem magischen Moment, in dem es Click macht. Sie zeigen, dass man die Magie der unmittelbaren Vertrautheit nicht nur dem Zufall überlassen muss, sondern dass man aktiv Situationen herbeiführen kann, in denen es Click macht.
Mein Lieblingszitat aus dem Buch: "Unmittelbare Vertrautheit kann das Beste in uns hervorbringen."