Noch ne hagiographisch angehauchte Biographie des großen Johnny Cash? -- Mitnichten!
Reinhard Kleists Comic ist auch eine Biographie, klar doch -- aber eine, die mit virtuosem Einsatz von Comic-spezifischen Mitteln (dazu später) das Wesentliche hervorkehrt und dadurch wahrer ist als die Wahrheit (diesen klugen Satz las ich mal in einem ansonsten drittklassigen Roman). Oder, um's mit Franz Dobler zu sagen: Ich muss nicht wissen, "dass er am 5.12.71 in Roanoke, Virginia, [...] gastiert hatte". Ich weiß aber, dass Cashs Biographie durchaus ein wenig abgeschmirgelt werden musste, um ihre Verfilmung familien- und vor allem Oscar-tauglich zu machen.
Die Eckpunkte von Cashs widersprüchlicher Biographie sind eh bekannt und mehrfach detailliert ausgebreitet worden: Die Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, der Senkrechtstart zusammen mit den Tennessee Two bei Sun Records, Drogenabhängigkeit und -exzesse, die Freundschaft mit Bob Dylan und das Engagement für Minderheiten, Morddrohungen des Ku-Klux-Klan, die zu Herzen gehende Liebesgeschichte mit June Carter, die famosen Knast-Konzerte, das spektakuläre Comeback als alter Mann unter der Ägide des HipHop-Produzenten Rick Rubin. Viel mehr muss man ja eigentlich auch nicht wissen.
Reinhard Kleist hat aus diesen und einigen weiteren Eckdaten eine Geschichte gemacht, in der Rührseligkeiten und dergleichen keine Chance haben. Keine verschämte Unterschlagung dessen, dass Cash ausgerechnet zu Zeiten schlimmster Amphetamin-Abhängigkeit musikalisch kaum zu schlagen war, keine Idealisierung des Menschen John R. Cash unter Ausklammerung unliebsamer Tatsachen (mal ignoriert man betreten das Engagement für die Indianer, mal die Auftritte vor GIs in Vietnam; mal die Freundschaft mit Dylan und Peter LaFarge, mal die mit Billy Graham... usw.).
Stattdessen zeichnet Kleist seinen Comic so, wie vielleicht Quentin Tarrantino einen Cash-Film gedreht hätte: Harte Schnitte, Zooms und Weitwinkel -- die Widersprüche der Biographie werden in harten Schwarz-Weiß-Bildern umgesetzt, dynamisch und atemlos. Bild gewordener Rock'n'Roll. Aber soll nicht Cash mal von sich selber gesagt haben, er müsse wie ein Hai immer in Bewegung bleiben? Auch die Dialoge sind nicht betulich, sondern lakonisch, mitunter von sarkastischem Humor -- auch dies eine Widerspiegelung von Cashs Persönlichkeit.
Dabei sind die einzelnen Zeichnungen realistisch gehalten, oft werden berühmte Fotos innerhalb der Story zitiert und genau da eingebaut, wo sie hinpassen. Die verschiedenen Protagonisten erkennt man auf den ersten Blick wieder (ein weiterer Beweis für Kleists Können), aber auch ihre Sprechblasen sind enorm treffsicher ausgewählt und charakteristisch: Luther Perkins' lakonischer Witz etwa, oder June Carters unsentimentale Zuneigung, und vieles mehr: Kleist packt das in wenige Worte.
Eingefleischte Cash-Anbeter könnten beanstanden, dass Kleist in seiner Story nicht jedes Detail dorthin plaziert, wo es historisch gesehen hingehört. Richtig -- aber dafür ist das Ganze ja auch irgendwie "wahrer als die Wahrheit".
Die Story selber ist geschickt konstruiert: Dreh- und Angelpunkt ist Johnny Cashs Konzert im Gefängnis von Folsom, und erzählt wird das Ganze von dem Häftling Glen Sherley, dem Verfasser des Songs "Greystone Chapel". Dementsprechend bildet das Folsom-Konzert auch den fulminanten Höhepunkt des Ganzen; unnötig zu erwähnen, dass Kleist hier einige Kabinettstückchen in Sachen Comic-Storyboard abliefert. Und durch einen weiteren bestechend einfachen Kniff leitet er direkt über zu Cashs Zusammenarbeit mit Rick Rubin. Jetzt blickt der alte Mann zurück, in Worten und vor allem Bildern. Das "Hurt"-Video als Steilvorlage gewissermaßen.
Fast noch faszinierender als die Story selber sind aber jene Sequenzen, in denen Kleist berühmte Cash-Abräumer in Comics umsetzt. Bevor die eigentliche Story beginnt, gibt der "Folsom Prison Blues" die Richtung vor: "I shot a man in Reno just to watch him die". Es geht zur Sache...
An den entsprechenden Stellen innerhalb des Comics folgen weitere Kronjuwelen dieser Art: "Big River", "Don't Take Your Guns to Town", "A Boy Named Sue", "The Ballad of Ira Hayes", "Cocaine Blues" -- und die apokalyptischen "Ghost Riders in the Sky" mit Anspielungen auf "The Man Comes Around" als Schlusspunkt. Songs als atemberaubende Bildsequenzen mit viel Rhythmus und Tempo, Cash-artig eben, dargeboten nach allen Regeln der Kunst.
In den Worten Glen Sherleys: "Am Ende sind es die Geschichten, die bleiben, nicht die Fakten. Und Geschichten müssen erzählt werden." Am besten so wie hier.