Diese Biographie war lange überfällig. Bis zum Erscheinen dieses Riesenbuchs von D. Bair gab es kaum Ernstzunehmendes über den Schweizer. Diese Lücke ist nun gefüllt, und sie ist mit dem schätzungsweise 1,5 Kilo schweren und (im Buchhandel) 85 Franken teuren Schmöker mehr als gefüllt.
Nun, soviel so gut. Die wissenschaftliche Leistung der Autorin, die während der sieben Jahre, in denen sie an dieser Person geforscht hatte, wahrscheinlich jeden Brief und jede irgendwie anzapfbare Quelle verwertet hat, ist beachtlich. Und verdienstvoll. Doch liegt gerade hier auch eine der Schwächen des Buchs.
Bair zitiert seitenweise aus Briefen, die zu irgendeinem Anlass - zum Beispiel der Gründung einer Zeitschrift oder der Etablierung einer Vereinigung - gewechselt wurden. Dieser Wust an Briefen macht das Werk streckenweise sehr papierlastig. Es ist eine überaus detailgetreue Aufzeichnung dessen, was Jung zu einem bestimmten Punkt seines Lebens geplant und getan hat, wie sein Umfeld darauf reagiert hat, wie er sich verteidigte, wie die Bewunderer ihn unterstützt, wie seine Feinde ihn mit Kritik eingedeckt haben. Doch bei dem allem vermisst man das Leben. Anschaulich und packend ist die Biographie nur an jenen Stellen, in denen Jung aus seinem Turm heraus- und in das Leben des Familienvaters, des Reisenden, des Sammelnden, des Kranken hineintritt. Diese Stellen sind gemessen am Umfang des Buches ein wenig zu dürftig. Leider.
Das noch grössere Problem ist aber, dass die Biographie vieles von seiner Psychologie unerklärt stehen lässt. Die frühen Sprachforschungen am Burghölzli werden nur en passent erwähnt, das kollektive Unbewusste bleibt rätselhaft, die Bedeutung der Alchemie für sein Werk nebulös. Das ist sehr schade. Und gerade auch aus diesem Grund unverzeihlich, als dass Jung, als er Bilanz über sein Leben zog, nur gerade zwei Ereignisse der äusseren Welt (nämlich der Herzinfarkt von 1944 und die Indien-Reise, wobei letzteres in der Bio zu wenig Beachtung findet) als erwähnenswert erachtet - dabei seinen inneren Stationen (das heisst seinem eigentlichen Werk) den absoluten Vorrang lässt.
Bair setzt sich über diese Einschätzung Jungs hinweg. Das ist zwar ihr gutes Recht. Sie zeigt sich offenbar in erster Linie an seiner Person und an seinen Frauen (!) interessiert. Aber dem an C. G. Jung und an dessen Psychologie interessierten Leser erweist sie damit nicht unbedingt einen Dienst.