C90 nennt Phillip Boa sein nunmehr 13. Album. Der Titel weckt Erinnerungen und ruft Assoziationen hervor. C90er-Cassetten kauften sich nicht nur mittellose Musik-Freaks, um coole Musik fürs Auto und als Liebesbotschaften zu kompilieren. Mix-Tapes waren in, über tumbe "Home-Taping-Is-Killing-Music"-Botschaften der Plattenfirmen haben sich alle schlapp gelacht. Die Musikbranche hatte die Taschen voll mit Geld, und Majors waren für die Indie-Szene völlig tabu. So etwas wie
C 86, eine zeitgeistige Gratis-Tape-Serie des englischen Musikblattes
NME haben die Großen dann anfänglich auch gar nicht wahrgenommen.
An C 86 muss Boa bei C 90 auch gedacht haben. Der Begriff stand für leicht punkigen, melodiösen Gitarren-Pop -- auch Anorak-Pop genannt -- und Gruppen wie Wedding Present, The Soup Dragons, The Pastels oder die mehrfach von Nirvana gecoverten The Vaselines. Boa hatte auf seinem Dortmunder Label Constrictor artverwandten Gruppen wie Membranes, Palookas und insbesondere Tallulah Gosh eine Heimat gegeben und dort auch sein wohl bestes Album Aristocracie veröffentlicht. Das war natürlich 1986.
Lange 17 Jahre später ist Boa wieder zu seinen Wurzeln und sich selbst zurückgekehrt. Exfreundin Pia Lund ist nach einer missglückten Solokarriere zurück, -- "die alte Hassliebe ist entflammt und Pias Gesang bildet einen Gegenpart zu meinem Gesang", sagt Boa. Olaf Opal (The Notwist, Miles), Michael Ilbert (Cardigans, Hellacopters, Surrogat), Phill Vinall (Pulp, Radiohead, The Fall) und Gregor Henning (Robocop Kraus) haben C90 den produktionstechnischen Schliff gegeben, ohne dass Boa großartig als Korrektiv eingegriffen hätte. Phillip selber hat so gute Songs wie schon lange nicht mehr geschrieben, vielleicht auch, weil er volle Rückendeckung und künstlerische Freiheit von seiner Plattenfirma bekam. Boa erzählt "Geschichten aus meiner eigenen, verschrobenen Welt", eine Welt, in der er sich oft selbst im Wege stand, in der er nie zum Popstar taugte, zu einem zum Anfassen schon gar nicht. Seine Fans haben ihn trotzdem geliebt.
Für C90 werden sie ihn noch mehr lieben, denn es schrammelt à la The Fall ("It's Not Punk Anymore, It's New Wave Now"). My-Bloody-Valentine-Zitate ertönen ("Down") wie auch bildschön gezeichnete Melodien ("Ich habe die Angst vor Melodien verloren", so Boa) in "Punch And Judy Club". "I'm A Little Complicated", singt Boa da gar nicht kokett in Anlehnung an seinen bisweilen schwierigen Charakter. Er bezeichnet sich gar als "Ex ½-Popstar" und resümiert in dem gleichnamigen Track, nie den von anderen verlangten Weg gegangen zu sein und sich alles in allem doch sehr wohl zu fühlen. Darf er auch. C 90 ist ein so nie erwartetes Glanzstück geworden. --Sven Niechziol