Als Redakteurin der Zeitschrift "not durch Hirnverletzung, Schlaganfall oder sonstige erworbene Hirnschäden" habe ich schon zahlreiche Schicksalsberichte über und von Menschen gelesen, die durch eine Erkrankung, einen Unfall oder einen Schlaganfall eine Hirnverletzung erlitten haben. Von einem auf den anderen Augenblick wurden sie aus ihrem Lebensplan geworfen und mussten ihr Leben mit den veränderten Gegebenheit neu einrichten.
Aber dieses Buch der 19-jährigen Kim-Vanessa Mathes ist anders! Schon der Umfang von 470 Seiten hebt sich von anderen Erfahrungsberichten ab. So hab' ich mir das Werk als Lektüre für die Weihnachtsfeiertage besorgt. Einmal angefangen konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es in zwei Tagen "verschlungen".
Kim berichtet, wie sie mitten in der Prüfungszeit für ihr Abitur die schreckliche Diagnose Hirntumor erhielt. Wohlgemerkt erst nach einer Odyssee von Arzt zu Arzt und nach sieben!! Fehldiagnosen. Kim stand die Vorbereitung aufs Abitur trotz unsäglicher Kopfschmerzen und Übelkeit durch und bestand ihr schriftliches Abitur.
Es folgten mehrere Operationen und unzählige Komplikationen, die Kim teilweise nur knapp überlebte. Dann begann der schwere Weg zurück in ihr Leben. Gelähmt, sprachlich eingeschränkt, mit massiven Sehstörungen und unter ständiger Übelkeit leidend wurde Kim schließlich in eine Rehaeinrichtung für Kinder und Jugendliche am Bodensee verlegt. Hier machte Kim große Fortschritte. Heute ist sie Studentin der Kunstgeschichte und meistert ihr Leben. Sichtbare Behinderungen sind nicht geblieben, auch ihre Doppelbilder sind nach mehreren Augen-OPs verschwunden.
Der Schreibstil ist erfrischend - die Sprache der Jugend eben. Und sie hat sich ihren Humor bewahrt, mit dem sie hintergründig ein so ernstes Thema behandelt. Der Leser erhält auch einen Einblick, welche Dinge neben der Zukunftsangst für junge Menschen wichtig sind. Wann wächst das Haar wieder, wann kann ich mich wieder hübsch machen und schminken, werde ich wieder auf Partys gehen, werde ich jemals wieder für einen Jungen interessant sein, werde ich mich je wieder verlieben?? All diese Fragen - für uns Erwachsenen zweitrangig - sind für Jugendliche brisant und gehören zum Jungsein.
Die Erinnerungen von Kim werden ergänzt von den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter. So erhält der Leser die Informationen auch aus einer anderen Perspektive.
Oft konnte ich beim Lesen meine Tränen nicht mehr zurück halten, wenn wieder einmal eine Komplikation aufgetreten ist und man denkt unwillkürlich "Hey, jetzt ist es aber mal genug!"
Besonders erschütternd war für mich, wie oft das Leben von Kim am seidenen Faden hing und es mehrmals vom "Zufall" abhing, dass leichtsinnige Fehler von Ärzten und Pflegepersonal nicht zu schwerwiegenderen Folgen führten oder gerade noch verhindert werden konnten. Das hat Kim vor allem ihrer Mutter zu verdanken, die - selbst Krankenschwester - immer nachgefragt und insistiert hat. Selbst Gewalt durch die Krankenschwestern hat Kim erfahren müssen. Was sind das für Menschen, die einem total hilflosen sterbenskranken Menschen so etwas antun und warum ergreifen solche "Individuen" den Beruf der Krankenschwester?
Erfreulich: In der langen schweren Zeit stand ihre Familie immer an Kims Seite und hat sie unterstützt. Auch ihre Freunde und viele Bekannte haben sie nicht fallen gelassen und ihr stets Mut gemacht.
Ein überaus lesenswertes Buch, das nicht nur von Hirntumor oder anderen Hirnverletzungen Betroffenen Mut macht, sondern jedem Leser vor Augen führt, dass ein solches Schicksal jeden treffen kann. Es lässt einen innehalten, um sich vor Augen zu führen, wie unkompliziert das eigene Leben im Grunde doch ist und wie oft man sich über Kleinigkeiten beschwert, die nicht der Rede wert sind.
Ich konnte Kim und ihre Mutter mittlerweile bei einer Autorenlesung persönlich kennenlernen: Eine bildhübsche junge Frau, die ihr Zukunft tatkräftig in Angriff genommen hat.