Es ist ja immer so eine Sache mit den Rowohlt'schen Monographien. Auf der einen Seite liefern sie meist unveröffentlichte Privatfotos und zitieren aus Primärquellen; auf der anderen Seite sind die schmalen Büchlein kaum mehr als etwas ausführliche Lexikon-Einträge; und wer die betreffende Person schon einmal gegoogelt hat, kann sich die 8 Euro 50 meistens schon im vorhinein sparen.
Obwohl mit Abflauen der Kollaborations-Debatte dem Schriftsteller Celiné nun langsam die Ehre zuteil wird, die er verdient, gibt es bis heute keine umfangreiche Biographie auf dem deutschen Buchmarkt. Dieser Umstand war es, der mich ein weiteres Mal zu Rowohlt greifen ließ, zumal die Monographie im Februar 2008 erschien, und damit ein wenig mehr Distanz zu der ideologisch aufgeladenen Debatte über Celiné vorweisen kann. Um es gleich zu sagen: Ich wurde ein weiteres Mal enttäuscht.
Der Biograph Geyersbach ist zwar seinem Objekt gegenüber frei von ideologischen Vorbehalten aber auch er verfolgt eine eigene Politik. Sein Ausgangspunkt ist, dass Celiné die Welt sein ganzes Leben lang an der Nase herumgeführt hat seine "autobiographischen" Romane (obwohl sprachlich unübertroffen) seien größtenteils frei erfunden, sein politischer Extremismus reine Provokation, und nicht zuletzt, sei er bis zu seinem letzten Tag ein geistig und nervlich kerngesunder Mensch gewesen, der in der Öffentlichkeit nur zum Spaß den Maniker und Perversling gespielt hat; kurzum (so schreibt Geyersbach im Klappentext), Celiné sei der "Schöpfer des eigenen Lebensromans" gewesen.
Gewagte Thesen, aber da mir Celinés persönlicher Werdegang weitgehend unbekannt ist, war ich Geyersbachs Herangehensweise zunächst nicht abgeneigt; meine Sympathie flaute allerdings schon nach Ende des Kindheitskapitels deutlich ab.
In dieser Kurzbiographie wird viel behauptet und wenig bewiesen: Zum einen kann man Geyersbach eiskalt entgegenhalten, dass Celiné ja niemals vorgegeben hat, in seinen Romanen die eigene Geschichte zu verarbeiten; zum anderen lässt sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen, wenn alle Fakten gegen ihn sprechen (was sehr häufig der Fall ist): Er zitiert Celinés letzte Frau, die besagt, er habe sich ihr gegenüber oft "schrecklich" verhalten; er gibt offen zu, dass Celiné sich zunehmend wunderlich verhielt und seine persönliche Erscheinung vernachlässigte; lässt sich aber doch nie von seinem Standpunkt abbringen er habe den Wahnsinnigen nur markiert um Publicity und Verkaufszahlen seiner Bücher zu sichern. Wenn Geyersbach seine entscheidenden Anhaltspunkte präsentiert, beginnt er seine Sätze für gewöhnlich mit "Vieles spricht dafür...", oder "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass..."; oftmals beruft er sich auch auf das obskure Kollektiv der "Biographen"; nennt aber nur selten Namen, und gibt auch niemals eine konkrete Passage.
Und während er sich bei Vermutungen und Anschuldigungen kaum zurückhält, hüllt sich der Biograph bei den konkreten Informationen häufig in wenig aufschlussreiches Schweigen: Celinés Tätigkeit als Kolonialbeamter in Nordafrika wird auf zwei Seiten abgehandelt, ohne dass wir mit einer Zeile erfahren, was seine Aufgaben dort waren, oder wie ihn der Aufenthalt geprägt hat; eine Ehe nach der anderen geht in die Brüche, ohne dass wir die Hintergründe erfahren; und in einer ans Lächerliche grenzenden Passage präsentiert Geyersbach triumphierend seine Trumpfkarte, dass sich Celinés Verwundung im Ersten Weltkrieg angeblich deutlich undramatischer zugetragen hat, als angenommen: Er sei nämlich "in seinen ungelüfteten Soldatenstiefeln in ein verirrtes Geschoss gestolpert" als ob jemand mit voller Absicht in feindliches Feuer laufen würde.
Ferner lässt es sich Geyersbach auch nicht nehmen, den flapsig-schnoddrigen Stil seines großen Vorbilds zu imitieren: Ich störe mich bei Belletristik für gewöhnlich nur selten an Umgangssprache; bei Sachbüchern sieht das anders aus. Wollen Sie eine Biographie lesen, in der Sätze stehen wie: "An einen Gott zu glauben, wird sich der Katholik bald abgewöhnen." Oder "Kurze Zeit später ist der Teilinvalide wieder obenauf"; eine Biographie, die die zahlreichen Affären des Schriftstellers damit begründet, er sei ein "Frauenvernascher" gewesen, der einen "durchtrainierten *rsch" bevorzugt?
Ich hatte große Erwartungen an eine aktuelle Celiné-Biographie, aber wie alle Werke aus der Reihe, kratzt auch dieses Rowohlt-Produkt nur an der Oberfläche. Den zweiten Stern gebe ich für die zahlreichen Fotos und einige Originalzitate der vertiefende Erkenntniswert aber bleibt gleich null. Und da der Biograph große Mutmaßungen in den Raum stellt, die er mit keiner Zeile unzweifelhaft belegen kann und zu allem Überfluss auch noch bei jeder Gelegenheit über all die Dummen herzieht, die auf den Celiné-Mythos hereingefallen sind (einen Mythos, den Geyersbach primär durch "schlampige Klappentextprosa" verbreitet sieht), hat man als Leser am Schluss denselben Satz auf der Zunge, der sich unterschwellig durch das gesamte Buch zieht: Große Klappe, nichts dahinter.