Die Bezeichnung "Byzanz/ Byzantinisches Reich" ist eine recht neue Prägung aus dem 17. Jh. Die Byzantiner selbst nannten sich "Römer", sie verstanden sich also selbst als die Erben des klassischen Imperiums. Unklar ist daher für viele, wann genau die byzantinische Geschichte beginnt bzw. wann die spätrömische aufhört. Für einige beginnt sie mit dem Auftreten Konstantins zu Beginn des 4. Jhs. und seiner Schaffung Konstantinopels, für andere hingegen beginnt sie mit der Regierungszeit Justinians (527-565). In beiden Fällen, so Haldon, "deckt der terminus >>byzantinisch<< die auf die spätrömische Ära folgende Periode ab und dient zur Kennzeichnung der Politik, der Gesellschaft, der Kultur des mittelalterlichen >>Oströmischen Reiches<< bis zu dessen Übergang in die Hände der Osmanen im 15. Jahrhundert".
Insbesondere die Geschichtsforschung des 18/19. Jh. hat ein äußerst negatives Bild von der byzantinischen Geschichte gezeichnet. Für den Historiker William Lecky ist es "ausnahmslos die niederträchtigste und übelste Ausformung ..., die eine Zivilisation jemals erreicht hat". Dieses Bild ist nach Haldon nicht haltbar und ist einer nationalistischen und eurozentrischen Propaganda geschuldet. Die Probleme des byzantinischen Reiches liegen nicht in der Niederträchtigkeit seiner Oberen. Vielmehr sind es die diffiziele geographische Lage mit den zahlreichen z.T. sehr ambitionierten und aufstrebenden Feinden an den Grenzen, überehrgeizige Pläne zur Wiederherstellung / Rückeroberung verlorengegangener Reichsterritorien und ein nur wenig effizientes Finanzsystem, die als Faktoren zum ständigen Niedergang des Reiches beitragen.
Das byzantinische Reich ist insgesamt geprägt durch das Christentum, die griechische Sprache und durch den politisch-ideologischen Bezug auf das christlich Römische Reich Konstantins. Allerdings ist die byzantinische Gesellschaft eine der Gegensätze. Hier die alles überragende Metropole Konstantinopel, dort die ländliche Provinzialbevölkerung. Der Kaiser übte in dem komplexen politisch-theologischem System des Reichs eine autokratische Herrschaft aus,; Religion und Politik waren unausweichlich miteinander verwoben.
Im Vordergrund der Darstellung von Haldon steht nicht nur die politische Geschichte des byzantinischen Reiches, diese wird chronologisch im ersten von zwei Teilen des Buches zusammengefasst. Der zweite und umfangreichere Part widmet sich der Entwicklung der byzantinischen Gesellschaft, den Veränderungen im Wirtschaftssystem, der Beziehung zwischen Stadt und Hinterland, dem byzantinischen Recht, der Religion und der anwachsenden Macht der Kirche, der Architektur sowie den Zeugnissen der Literatur und Gelehrsamkeit. Besonderes Anliegen Haldons ist es dabei, "dem mit der Materie noch nicht vertrautem Leser Erklärungen zu bieten und ihm so viele Informationen zu liefern, dass vor ihm ein Bild von Ablauf und Gestalt der byzantinischen Geschichte entsteht"; dies gelingt dem Autor auch sehr gut.
Der Autor erhebt nach Eigenaussage nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern behandelt die Aspekte, die nach seiner Ansicht die besten sind, um ein Verständnis für die Funktion des byzantinischen Staates und byzantinischer Realität zu erlangen. Dabei ist das Buch sprachlich angenehm zu lesen, besonders für Einsteiger; zahlreiche Abbildungen und Karten lockern die Lektüre auf. So wird der / die eine oder andere LeserIn, ganz wie von Haldon erhofft, genügend Anregungen finden, um sich mit "Byzanz" weiter zu beschäftigen.