"Der gute Wille und das Wissen allein genügen offensichtlich nicht, um Ziele zu erreichen." Diese Aussage im zweiten Abschnitt der Einführung ließ mich aufhorchen. Denn ich warte noch immer auf das Coachingbuch, das von der Annahme ausgeht, der freie Wille sei eher eine Illusion als eine Tatsache. Noch im gleichen Abschnitt stellt dann Meike Müller die Frage, warum das Gehirn mit anderen Dingen beschäftigt ist, "als logische, wohl formulierte und gut hörbare Sätze zu produzieren." Meike Müllers Antwort lautet: Weil der innere Kritiker nicht nur streng ist, sondern auch zu den äußerst anhänglichen Lebensbegleitern gehört. Deshalb sollte man diesen Saboteur zum Schweigen bringen. Und das ist einfacher, wenn man weiß, wie er tickt. Gehen wir davon aus, dass Meike Müllers innerer Kritiker, im Buch "Icke" genannt, zahlreiche Gemeinsamkeiten mit den drei "Ichs" der Transaktionsanalyse, dem inneren Schweinehund oder dem Unbewussten hat, so ist "Icke" alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Kurz: Was zu Beginn des Buches als Entdeckung gefeiert wird, entpuppt sich schnell als harmlosen Etikettenschwindel. Um mich trotzdem für die Lektüre der folgenden 180 Seiten zu motivieren, änderte ich den Blickwinkel. Statt nach wirklich Neuem Ausschau zu halten, suchte ich eher nach sprachlichen Highlights und Techniken, die sich vermitteln und erlernen lassen.
Bevor Meike Müller den Weg zur Expertin für Auftrittscoaching einschlug, arbeitete sie auch als Redakteurin und Öffentlichkeitsarbeiterin. Und auf diesem Gebiet hat sie ganz ohne Zweifel viel Talent. Denn ihr Buch liest sich flüssig, ist oft witzig und vor allem anschaulich geschrieben. Zudem hat sie mit "Icke" eine Figur geschaffen, die mir wesentlich sympathischer ist als der innere Schweinehund.
Insgesamt offeriert Meike Müller ihren Lesern 30 Tricks, um "Icke" in den Griff zu kriegen. Dass darunter keine Weltneuheiten auszumachen sind, überrascht wenig, da "Icke" ja nur ein alter Bekannter mit neuem Namen ist. Und die ausgewählten Tricks mit neurowissenschaftlichen Begriffen zu legitimieren, ist seit einigen Jahren ja schon beinahe Pflicht. Notwendig finde ich Meike Müllers Ausflüge ins Reich des Gehirns allerdings nicht. Vor allem dann nicht, wenn es um Veränderungen von Persönlichkeitseigenschaften geht. Zu wissen, dass es eine Amygdala gibt, nützt dem Leser herzlich wenig, wenn er seine Emotionen managen soll. Und Menschen, die schlecht auf ihr Publikum eingehen können, wird dies auch dann noch schwer fallen, wenn sie Meike Müllers Erläuterungen über die Spiegelneuronen gelesen haben.
Mein Fazit: Würde die Autorin klar zwischen erlernbaren Fertigkeiten und durch persönliche Lebensgeschichten geprägte Persönlichkeitseigenschaften unterscheiden, könnte ich ihr Buch mit mehr Überzeugung empfehlen. Aber da "Icke" sich nicht durch alle vorgestellten Tricks überlisten und bändigen lässt, appelliert Meike Müllers letztlich an einen freien Willen, dessen Existenz sie in ihrer Einführung zu Recht in Frage stellt. Immerhin ist ihr Coachingbuch unterhaltsamer und anschaulicher geschrieben als die meisten Konkurrenzprodukte.