Da ich mich sehr für gute Bücher über die asiatischen Kampfkünste sowie die diesen zugrundeliegende Philosophie interessiere, habe ich mich jetzt mal an die sehr schön aufgemachte Taschenbuch-Ausgabe von "Bushido" von Inazo Nitobe vom RaBaKa Verlag gemacht.
Nachdem ich anfangs doch noch etwas in Sorge war angesichts der kritischen Äußerungen mancher Rezendenten hinsichtlich der doch etwas umständlichen bzw. leicht poetisch-ausschweifenden Sprache Nitobe's, kann ich mittlerweile sagen, dass ich doch sehr gut in seine Schreib- und Denkweise reingekommen bin und seinen Ausführungen gut folgen konnte, was wohl auch mit für die Übersetzung des Textes spricht.
Nitobe reißt sich rhetorisch und intellektuell zum Teil wirklich ein Bein aus, um uns Europäern die alte japanische Denkweise sowie den "Weg des Kriegers" (inklusive dessen einzelner Bestandteile Rechtschaffenheit, Tapferkeit, Güte, Wahrhaftigkeit, Ehre und Loyalität) näher zu bringen und erschlägt einen zum Teil förmlich mit Verweisen auf die Aussprüche europäischer Gelehrter, wo sich die Sichtweise der Bushi (Mitglieder der japanischen Kriegerkaste) und die europäischer Intellektueller stark ähneln oder gleichen.
Ich fand es schon beeindruckend, wie belesen dieser Mann doch war und wie aufrichtig er sich in der Hinsicht um Völkerverständigung bemüht hat. Hier macht sich auch Nitobe's philosophischer Background stark bemerkbar, da der größte Teil seiner Verweise aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich stammen, was angesichts seiner vorwiegend gesellschaftsanalytischen Betrachtungsweise auch nicht weiter verwunderlich ist.
Ich fand auch viele Einzelheiten des Textes recht interessant, wie etwa die Sichtweise des Bushido auf die Rolle der Frau in Japan, den tieferen Sinn der berühmt-berüchtigten asiatischen Höflichkeit und die allgemeine gesellschaftliche Ächtung der Händler damals sowie die diesbezüglichen Parallelen zum Judentum.
Es war auch interessant, wie sehr sich die Entwicklung und auch die zunehmende Kultivierung der Samurai und der europäischen Ritter, welche nach dem Ende jener langwierigen, stark von Kriegen und Machtkämpfen geprägten Epoche, die den Aufstieg der japanischen Kriegerkaste zur wichtigsten tonangebenden Gruppierungen neben dem japanischen Kaiser zur Folge hatte, zunehmend notwendiger wurde, geähnelt haben (Elias' "Prozess der Zivilisation" lässt grüßen).
Am Ende des Buches versucht Nitobe noch, mittels eines rhetorischen Brückenschlages aufzuzeigen, wie tiefgreifend die Samurai und der von ihnen vorgelebte Kodex des Bushido trotz ihres unwiderruflichen Untergangs die japanische Gesellschaft bis heute geprägt haben.
Alles in allem fand ich "Bushido" doch ein sehr empfehlenswertes Buch, welches einem unter Umständen dabei helfen kann, viele der doch recht fremden Bräuche und Ansichten jener leider mittlerweile vergangenen Samuraikaste besser nachvollziehen zu können.