Kurzbeschreibung
Inazô Nitobe wurde für seine Vermittlungsbemühungen zwischen den Kulturen gerühmt (insbesondere für seine unermüdlichen Friedensverhandlungen mit den US-Amerikanern in den 30er-Jahren) und mit einer Abbildung seines Konterfei auf den 5.000 Yen-Scheinen geehrt. Der Angkor Verlag veröffentlicht nun zu seinem 70. Todestag eine erweiterte Fassung in modernem Deutsch, die auch jene Textstellen nicht länger verschweigt, die bisher ausgelassen wurden. Da der Weltbürger Nitobe stets Vergleiche mit westlichem Gedankengut anstellt, wird dem Leser schnell deutlich, wo seine eigene Kultur noch heute von der ostasiatischen befruchtet werden kann.
Klappentext
Vorwort 6
Bushidô als ethisches System 9
Quellen des Bushidô 14
Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit 20
Mut, der Geist des Wagens und Ertragens 23
Güte, das Mitempfinden des Elends 26
Höflichkeit 32
Wahrheit und Wahrhaftigkeit 39
Ehre 45
Die Pflicht zur Treue 50
Erziehung eines Samurai 57
Selbstbeherrschung 62
Selbsttötung und Wiedergutmachung 66
Das Schwert, die Seele des Samurai 78
Erziehung und Stellung der Frau 82
Der Einfluss des Bushidô 92
Ist Bushidô noch wirksam? 98
Die Zukunft des Bushidô 105
Über den Autor
Auszug aus Bushidô. Die Seele Japans. Erweiterte Fassung von Inazô Nitobe, Guido Keller. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Über die Selbsttötung (hara-kiri) und Wiedergutmachung (kataki-uchi) haben viele ausländische Schriftsteller geschrieben, die daran interessiert und zugleich davon verwirrt waren. Ich fange mit der Selbsttötung an und schicke voraus, dass ich meine Beobachtungen nur auf seppuku und kappuku, volkstümlich bekannt als hara-kiri, beschränke. Es bedeutet: Selbstopferung durch Ausweiden. Sich den Unterleib aufschlitzen, wie töricht!, höre ich all jene ausrufen, denen dies fremd ist. Doch für uns sind damit edelste Taten und rührendste Feierlichkeiten verbunden nichts Abstoßendes, nichts Lächerliches. So wunderbar ist die umgestaltende Kraft der Tugend, der Größe, der Zartheit, dass sie der niedrigsten Todesform Erhabenheit verleiht und zum Symbol eines neuen Lebens wird hätte sonst das Zeichen, das Konstantin erblickte, die Welt erobern können?
Seppuku hat für uns nichts Abgeschmacktes; die Wahl des Körperteiles hierfür beruhte auf einem alten Glauben, der ihn für den Sitz der Seele und der Gefühle hielt. Wenn Moses schrieb, dass Josephs Eingeweide sich nach seinem Bruder sehnten, oder wenn David den Herrn anflehte, seine Eingeweide nicht zu vergessen, oder wenn Jesaja, Jeremias und andere alte Propheten vom Tönen oder der Unruhe ihrer Eingeweide sprachen, dann hegten sie alle den Glauben, der heute noch unter Japanern vorherrscht, dass nämlich die Seele im Unterleib wohnt. Der Ausdruck hara war verständlicher als das griechische phren oder thumos, und Japaner wie Hellenen glaubten gleichermaßen, dass sich dort die Seele befinde. Wir finden derartige Gedanken keinesfalls nur bei antiken Völkern. Die Franzosen benutzen doch heute noch das anatomisch unklare Wort ventre, obwohl einer ihrer größten Philosophen, Descartes, die Theorie aufstellte, dass die Seele in der Zirbeldrüse wohne. Auch das Wort entraille steht in ihrer Sprache für Gefühl und Mitleid. Der Gedanke dahinter ist kein bloßer Aberglaube, er ist wissenschaftlich betrachtet sogar richtiger als die Idee, das Herz zum Mittelpunkt der Gefühle zu machen. Moderne Nervenärzte sprechen von dem zum Unterleib gehörenden oder Becken-Gehirn; sie bezeichnen damit sympathische Nervenzentren in jenen Körperteilen, die durch psychische Vorgänge stark beeinflusst werden. Stimmt man dieser Erkenntnis zu, so liegt die Folgerung für seppuku nahe: Ich lege den Sitz meiner Seele frei und zeige dir, wie es um mich steht. Sieh selbst, ob sie beschmutzt oder rein ist.