Ich hatte zuerst das Vorgängerbuch "Linked" vom gleichen Autor gelesen und war begeistert. Auch "Bursts" hat mir in mancher Hinsicht gefallen:
- Der Erzählstrang zur zeitlichen Entwicklung komplexen Verhaltens ist inhaltlich sehr interessant (klar, für jemanden der das Buch kauft). Die Kernaussage ist: Die meisten Aktivitäten erfolgen nicht in zufälligen Zeitabschnitten nacheinander, sondern treten gehäuft auf ("Ausbrüche" = "bursts"), unterbrochen von (unterschiedlich) langen Phasen der Ruhe. Dies trifft insbesondere für menschliches Verhalten zu, wie email schreiben, Telefonate führen, usw. Das zweite große Thema dieses Erzählstranges sind die Muster des menschlichen (und tierischen) Reiseverhaltens: Wenige große, viele kleine Strecken. Auch interessant.
- Der Inhalt ist oft sehr gut beschrieben. Mit guten Beispielen, sehr eindücklich und (meist) ausreichend präzise, und auch wirklich etwas zu verstehen.
Diese positiven Eigenschaften hatte auch "Linked". Leider gefallen mir in dem neuen Buch viele Sachen nicht besonders gut, die in "Linked" weniger vertreten waren:
- Der zweite Erzählstrang (Bauernaufstand in Siebenbürgen, ...) ist völlig nutzlos. Diese Geschichte mag ja interessant sein (ich fand sie nicht interessant), auf jeden Fall hilft sie in keinster Weise, den Inhalt des anderen Stranges verständlich oder auch nur anschaulich zu machen.
- Das Buch kündigt zu Beginn atemberaubende Erkenntnisse über die Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens an. Davon bleibt im Laufe des Buches allerdings NICHTS übrig, was man nicht sowieso schon kennt, z.B. aus der allgegenwärtigen Diskussion, wieviel Google und Co über uns wissen.
- Der Schreibstil ist sehr intellektuell. Der Autor erwähnt selten eine Person ohne biographische Details, viele Wörter werden ethymologisch erklärt, viele Anekdoten, Einschätzungen, Verweise, Vergleiche usw werden gegeben. Leider geschiet das AUF KOSTEN des Verständnisses des zu vermittelnden Inhaltes, nämlich der zeitlichen Muster von Verhaltensweisen. Die gelehrten Anmerkungen sind so viele, dass sie ABLENKEN, nicht veranschaulichen. Ich weiß nicht, warum der Autor das tut. In "Linked" tat er es nicht. Es entsteht der Eindruck, dass er nicht den Leser bilden möchte, sondern selbst gebildet erscheinen. (Nicht missverstehen: Er IST bestimmt äußerst gebildet, aber das hilft dem Leser und dem Buch nicht.)
- Der Stil ist erzählend, nicht systematisch. Man hat am Ende zwar viel gut lesbaren Text gelesen, muss sich jedoch danach Mühe geben den Inhalt zu rekapitulieren/zusammenzusuchen, wenn man am Inhalt interessiert ist.
- Das Buch enthält !deutlich! WENIGER Mathematik als "Linked". Damit meine ich nicht unbedingt Formeln - man kann mathematische Inhalte auch als Text oder Illustrationen bringen. Ich bedaure das sehr. Viele Leser werden das Buch kaufen, weil Ihnen "Linked" gut gefallen hat. Er hat also das Publikum schon "im Sack", und muss sich nicht Publikum durch die Abweseneit von Formeln erkaufen ("jede Formel halbiert die Zahl der Leser"). Er hätte die Gelegenheit nutzen können, etwas MEHR Mathematik in die Welt zu bringen, nicht WENIGER.
Alles in allem: Teile des Inhaltes sehr interessant, aber überraschend schlecht und umständlich verpackt - insbesondere im Vergleich zu dem sehr gelungen Vorgängerbuch.