Es geht natürlich um Gitarren. Die weiße Ästhetik. Und um den Aufbruch der frühen Jahre Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin. Um letzte Ausfahrten, menschliche Höllen. Blut zwischen Flaschenscherben, Kippen, Erbrochenem und herausgebrochenen Autositzen. Um gegenpolitische Aktionen. Um provokante Gesten gegen Dritte Reiche. Wahnsinn, Rohheit und Banalität. Aber extrem diszipliniert.
Durchstoßen wir die Körperwand, die alles zusammenhält, die Haut. Die Haut ist die bestangezogene überhaupt und war gut 20 Jahre lebendig. Ihre Evolution führte aus dem No Wave über grobschlächtigen Metal, der das Verhältnis von Jazz zu Rock zugunsten einer neuen Komplexität definierte, hin zu exzentrischen Songgeweben.
Der erste Longplayer von 1982 wurde jetzt wiederveröffentlicht. Er stand wie ein Manifest in den brandenden neuen Wellen. Teil davon, und doch abseits, für viele unzugänglich. Andere kauften sich Captain Beefheart. Die sieben Tracks sind harsch, hart, gigantisch, dunkel, böse, zwischen No Wave-Punk-Metal und vertracktem Doomrock, mit einem Spritzer Surf.
Eingespielt im kalten Winter 1982 in Aachen (Christoph Dreher ist ein Sohn dieser Stadt), nachträglich ergänzt von Nick Cave, der nach dem Ende seiner Birthday Party und vor dem Beginn seiner Bad Seeds in Berlin neue Wege suchte (und fand). Es ist, als hätte sich die unglaubliche Kälte, die in dieser mittelalterlich geprägten Stadt herrschte, auf Cave bzw. seine Texte ausgewirkt. Als habe ihn das Schicksal in ein "teutonisches Loch" (vgl. Track 6 - "Dumb Europe") gesteckt. Eigentlich unanhörbar, aber wunderbar qualvoll.
An der Haut ist zu erkennen, ob man noch lebt, Darum hatte die Haut in den Jahren ihrer Existenz zahlreiche berühmte Zotten eingeladen: Susanne Kuhnke, Frieder Butzmann, Rainer Berson, Jeffrey Lee Pierce, Blixa Bargeld, Lydia Lunch, Anita Lane, Debbie Harry, Alan Vega und Kim Gordon - um nur einige zu nennen. Unvergesslich: Ihr Auftritt 1992 beim Rheinrock-Festival, der abgebrochen werden musste.
Die Haut - Quintessenz einer wichtigen Dekade, deren Schuppen heute noch spürbar sind.
Obwohl ich die erste LP bereits 1983 zufrieden in mein Plattenregal stellte, habe ich mir die Erstauflage der Reissue besorgt: Wegen der beigefügten DVD, die in der kargen direkten Ästhetik jener Jahre einige Auftritte der Haut zeigt (ohne Cave). Und wegen des tollen Begleitbüchleins, das Verbindungen, Verbände und Wunden der sprachlosen Haut aufzeigt und manche Frage (z.B. die nach dem missverstandenen Cover und die nach dem Bandnamen) klärt.
Der Verstand sagt: 5 Sterne, weil einzigartiges Manifest.