Einen sicheren Ort des Reflektierens möchte der Psychotherapeut Hagemann seinen LeserInnen schaffen - und wenn dies per Buch nicht funktionieren sollte - er betreibt auch eine Klinik für Patienten mit Burn-out-Symptomen. Vorab will man vielleicht die kostengünstigere Lesereise durchtesten: Wolfgang Hagemann erkennt, dass in der Zerreißprobe zwischen verhaltens-auffälligen Schülern, bildungsfernen Erziehungsberechtigten, überforderten oder gar mobbenden Kollegen, zwischen für eine Helfer- oder Ersatz-Vater-Rolle ungeeigneten Schulleitern oder geldeinsparenden Bildungspolitikern viele Lehrpersonen in ein Dilemma geraten sind, in welchem sie verständnisvolle Aussprache benötigen - besonders, wenn sie sich mit eigenen überhohen Zielsetzungen quälen und unter die Räder des Betriebs soweit geraten sind, dass die körperliche Befindlichkeit die Betätigung der Notbremse unnachgiebig befiehlt. Wie verarbeitet man die alltägliche Flut aus Kränkungen durch aggressive Schüler, parteiische Eltern, nutzlos beschwichtigende Schulleiter, taktierende Politiker vom Schlage Ohne-Michel? In den Ländern, die bei PISA gut abschnitten, besitzt der Lehrberuf ein hohes Prestige, die Kollegien haben einen oft positiv solidarischen Zusammenhang, Schüler und Lehrer verbindet ein verlässlicher Wertekanon. Dergleichen geht verloren, wenn Kollegien durch vollgestopfte Klassen allesamt an die Grenze der Leistungskraft geschoben sind, die Schulbürokratie hierarchisch den Angst-Pegel noch erhöht statt ihn durch kompetente Dialoge abzutragen. Die Chance zur Stabilisierung geht unter, wenn kollegiale oder ärztliche Beratungen nicht genug Übersicht besitzen. Insofern ist die Publikation von Wolfgang Hagemann eine erste sinnvolle Brücke hin zu einem Reflexionsprozess, den eigentlich alle mit diesen Dingen konfrontierten Sozialpartner mit zunehmender Gründlichkeit gehen sollten - denn wer hat etwas davon, wenn LehrerInnen in immer schnellerem Tempo einfach aufgerieben und aussortiert werden?