Kaum ein anderes Land im südlichen Asien weckt bei sowohl kulturgeschichtlich als auch politisch Interessierten zwiespältigere Gefühle als Burma, das seit 1989 wieder offiziell Myanmar heißt. Einerseits ist es ein fast mythisch verklärtes buddhistisches Reich voller Tempel und Pagoden in tropisch grüner Landschaft und mit einem überaus farbenprächtigen ethnischen Mosaik, das jeden Reiselustigen lockt. Andererseits herrscht dort ein Militärregime, das einen zweifeln lässt, ob eine Burma-Reise unter den gegebenen Umständen angemessen ist. Der Bucher Verlag bietet uns mit einem Bildband an, eine solche Reise zunächst zu Hause auf dem Sofa zu machen, geführt von der landeskundigen Autorin Bettina Winterfeld. Nicht nur aus Sätzen wie „Ohne Zweifel machen die Begegnungen mit den Menschen einen großen Teil des Charmes von Burma aus" macht sie uns deutlich, dass sie sehr viel Zuneigung zu den Bewohnern des Landes hegt. Mit ebenso liebevollem Blick dokumentiert der Fotograf Gerard Saitner die Vielfalt der Region in farbigen, ruhigen Bildern, die etwas von der Ruhe und Verschlafenheit vermitteln, die es in Burma noch gibt. Sachkundige Texte über Geschichte, Gebräuche, Lebensart und Gesellschaft ergänzen die „Führung" durch das Land. Einzig die Inhalte des Buddhismus sind - vor allem in Anbetracht seiner enormen Bedeutung in Burma - etwas rudimentär erläutert. Trotz malerischer Eindrücke fehlt jedoch der kritische Blick auf das Regime des Landes nicht. Aber gemäß dem Anspruch des Bandes, der ein touristischer ist und nicht politisch, sind es nur wenige deutliche Worte. Alles wird idyllisch beschrieben - was es für den Reisenden über große Strecken wohl auch ist - und insgesamt wird nur wenig Problematisches angesprochen. Aber so wie man in einer Liebeserklärung wohl kaum Dinge zu problematisieren wünschte, muss man auch diese Liebeserklärung an das südostasiatische Land sehen. Wer sich über heikle Hintergründe genauer informieren will, wird ja kaum zu diesem herrlichen Bildband greifen, dessen qualifizierte Texte, schöne Fotos und dazugehörige genaue Bildunterschriften entweder auf eine Reise einstimmen oder eine solche nachvollziehen lassen wollen. In einem solchen Rahmen lässt sich kaum vermitteln, welche menschlichen Härten es in Burma gibt. Nebenbei bemerkt muss darauf hingewiesen werden, dass der interessierte Leser für solche Informationen - also politische Hintergründe - zur Zeit eigentlich nur auf englischsprachige Werke verwiesen werden sollte. Die einzige umfassend angelegte deutschsprachige politische Landeskunde [Klemens Ludwig: Burma. München: Verlag C.H. Beck 1997, 188 Seiten] zeichnet sich zwar durch deutlicher, ja vehemente kritische Äußerungen aus. Es ist aber verfasst von einem Autor dessen Landeskenntnis sich bei der Lektüre als oberflächlich erweist und der keinerlei Liebe zum Land und/oder seinen Menschen auszudrücken imstande ist. Aus diesem Grund hätte man sich hier vielleicht doch ein etwas umfangreicheres Kapitel über die gesellschaftspolitische Dimension gewünscht. In Ansätzen wäre auch eine Diskussion darüber erfreulich gewesen, inwiefern der burmesische Traditionalismus wie auch die ausgeprägte buddhistische Lebensform die Autokratie der Militärs sogar begünstigt. Immerhin kann man aus Winterfelds Texten herauslesen, dass Zwangsverpflichtungen zum Pagodenbau, wie die Militärs es in heutiger Zeit tun, in der Geschichte des Landes nichts Neues darstellen. Wer also wachen Verstandes die in die schönen Stimmungsbilder eingestreuten Hinweise auf das Regime wahrzunehmen vermag, wird sich seine kritischen Fragen durchaus selbst formulieren können. Wer solche Fragen selbst formuliert, kann sich zudem die Antworten darauf bei einer hier angeregten Burma-Reise leichter selbst suchen. Dies ist ohnehin besser, als dem Leser von vornherein zu sagen, was er zu denken und zu glauben hat - wie es manche Autoren tun (wie in der oben genannten Länderkunde). Was den Verfassern des vorliegenden Burma-Bildbandes ein Anliegen ist, nämlich ihre Liebe zur Kulturnation Burma und ihren Menschen zu vermitteln, kann daher als gelungen angesehen werden. Andreas Gruschke