Eingesperrt. Allein. Irgendwo, abgeschnitten vom Rest der Welt. Um einen herum nur enge Wände. Mangelnde Bewegungsfreiheit. Wie komme ich alleine hier raus ? Werde ich denn hier rauskommen ?!
Man muss kein hundertprozentiger Klaustrophobiker sein, um sich eine solch beängstigende Situation und die damit verbundene Stress- / Panikreaktion vorstellen zu können. Es ist vielleicht der größte Albtraum eines jeden Menschen, hilflos da zu liegen und auf Rettung zu hoffen. Oder sich mit seinem unausweichlichen Schicksal abzufinden.
Aus diesem Urangst-Szenario einen spannungsfördernden Leinwand-Film zu machen, kämen wohl nur die wenigsten Hollywood-Studios, wenn überhaupt. Alles was nicht teuer, aufwendig oder in irgendeiner Weise spektakulär-schockierend ist, fasst man ungerne an, wenn sich daraus schwer ein Boxoffice-Erfolg errechnen lässt. Genau hier kommen Leute aus der Independent-Szene ins Spiel, die nicht davor scheuen, mit geringem Budget und viel Kreativität ein kleines Film-Experiment zu starten.
Der (noch) unbeschriebene Regisseur Rodrigo Cortés zeigt mit seinem Debutfilm "Buried - Lebend begraben" ein enormes Talent. Mit einfachsten Mitteln, einem konsequent eingegrenzten Handlungsort und einem einzigen, aktiv spielenden Hollywood-Mimen (Ryan Reynolds) gelang ihm eine kleine Kino-Sensation, die bestens funktioniert. Ohne Effekte, ohne Bombast-Action und ohne hohen Blutzoll.
Völlig desorientiert wacht der Amerikaner Paul Conroy in völliger Dunkelheit auf. Er weiss zunächst nicht wo er sich befindet. Er weiss nur: es ist heiss, eng und stickig. Mittels eines Armee-Feuerzeugs bringt er Licht ins Dunkel, und kommt zur schockierenden Erkenntnis, dass er in einem Sarg liegt - lebendig begraben. Schnell schießen die Erinnerungen hoch:
Paul war als Truckfahrer eines US-Konvois mitten im Irak unterwegs, als Aufständische angriffen und jeden bis auf ihn töteten. Neben dem Feuerzeug findet er mehrere Knicklichter, eine Taschenlampe, ein Messer und ein fremdes Handy. Über letzteres nehmen die Entführer mit ihm Kontakt auf und verlangen innerhalb kürzester Zeit ein millionenschweres Lösegeld für sein Leben, sonst lassen sie ihn unten langsam und leise vor sich hinsterben.
Verzweifelt versucht er Hilfe von außen zu bekommen, sei es über seinen Arbeitgeber, den Geheimdienst oder einem Kidnapping-Spezialisten, der vor Ort operiert. Wenngleich ihm gerade Letzter viel Mut zuspricht, schleicht sich die Befürchtung ein, dass ihn niemand rechtzeitig finden wird, geht der Sauerstoff im Sarg doch nach und nach zur Neige...
"Buried" ist sicherlich nicht der erste Beitrag in der Filmgeschichte, dessen Handlung in einen physisch eingeengten Raum abläuft. Schon Altmeister Hitchcock wusste diesen Kniff in seinem Klassiker "Cocktail für eine Leiche" zu nutzen und beschränkte sich auf ein einziges Apartment als Handlungsschauplatz. Ebenso Joel Schuhmacher, der Colin Farrell in einer Telefonzelle Todesängste durchstehen ließ ("Nicht auflegen !"), und Jodie Foster durfte zusammen mit Filmtochter Kristen Stewart in David Finchers "Panic Room" in der Falle sitzen. Doch anders als seine Vorbilder vermittelt Cortés' Film die klaustrophobische Enge so greifbar realistisch wie kein anderer Film mit ähnlicher Thematik.
Die gesamten 1 1/2 Stunden verlässt die Kamera (abgesehen von zwei imaginären Totalaufnahmen) nie das Innere der Holzkiste, die Kamera klebt immer dicht am Körper des Insassen wider Willen. Wer an eine ewig starre (und damit automatisch langweilig werdende) Bildfolge der Geschehnisse denkt, der irrt, und zwar mächtig. Der Sarg wird aus allen möglichen Blickwinkeln fotografiert, Gleiches trifft auf seinen Gefangenen zu. Neben der besagten, toll visualisierten Enge ist auch die spärliche Beleuchtung ein unschätzbarer Stimmungsförderer. Mal ist es das Feuerzeug, mal eines der Knicklichter oder auch nur das beleuchtete Display des Handys, das dem unterirdischen Käfig eine neue, noch erdrückendere Atmosphäre verleiht. Leises Rieseln einsickernden Sandes und die Dehngeräusche der Holzlatten, gegen die sich Paul mit aller Anstrengung stemmt, machen die Angstkulisse perfekt.
Ein überzeugendes Gefühl des Eingesperrt-Seins setzt aber nur dann ein, wenn der Mensch darin glaubwürdig rüberkommt, und genau hier rückt Ryan Reynolds in den Vordergrund.
Selten war der Begriff "One-Man-Show" in einem Film so zutreffend wie hier. Zwar leihen ein paar andere Schauspieler am anderen Ende der Handy-Leitung ihre Stimmen, doch es ist ausschließlich Reynolds Verdienst, dass der Zuschauer am Ball bleibt. Der Kanadier, der mehr für seine Arbeiten im Komödien- und Action-Fach bekannt ist, entlädt alle denkbaren Emotionen aus sich heraus: Panik, Angst, Wut, Trauer, Unentschlossenheit, Misstrauen, Verzweiflung... Dabei bleibt er in seiner Darstellung stets bodenständig und vermeidet es, sich im kontraproduktiven Overacting zu verlieren. Auf diesem Wege schafft er es, dass der Zuschauer gar nicht anders kann als mit ihm zu fiebern, mit ihm zu leiden. Sein wechselnder Gemütszustand, von leichter Hoffnung bis hin zur Selbstaufgabe, fesselt ungemein.
Es würde mich stark wundern, wenn er nach dieser Glanzleistung weiterhin nur auf seinen Spaßvogel- bzw. Muckiboy-Rollen sitzen bleibt. Dieser Mann kann viel mehr, man muss ihn nur lassen. Darum hoffe ich, dass "Buried" nicht als einmaliger Sonderfall in seiner Filmographie auftauchen wird.
Fazit:
Ich hätte nie gedacht, dass 90 Minuten in einem Sarg tatsächlich so packend und dramatisch sein können. Regisseur Cortés steigert die Spannung seines erdrückenden Psycho-Thrillers langsam, aber stetig weiter, bis fast ins Unerträgliche, und die Leistung von Ryan Reynolds ist einfach nur top. Dank dieser Beiden erlebt man eine emotionale Tour de Force sondergleichen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Kleines Budget, große filmische Herausforderung - prächtiges Kinoerlebnis.