Günter de Bruyn, Buridans Esel, 1968
Ein schmales, schön lesbares, gut strukturiertes Buch, höchst konzentriert komponiert :
Es geht um Karl Erp, Bibliotheksleiter, verheiratet mit der still ergebenen Elisabeth, 2 Kinder im Schulalter, um 40, der sich in die neue Praktikantin Fräulein Broder verliebt (attraktiv, energisch, geistig interessiert und selbstbewusst), sie nach einigen Schwierigkeiten für sich gewinnt, zu ihr in die verkommene Mietskaserne ins Proletenmilieu zieht, nach einiger Zeit aber seine Bequemlichkeit vermisst und zu Elisabeth zurückkehrt, die inzwischen einen eigenen Beruf angenommen hat und ihn eher sehr zögernd, um der Kinder willen, wieder in ihre Villa auf großem Grundstück hineinlässt, die ihr die Eltern überlassen hatten.
Das Buch vermittelt in Form und Inhalt ein dichtes Bild von der damaligen DDR: Erp, der insgesamt sich wie Buridans Esel verhält, sich also zwischen zwei Bündeln Heu nicht entscheiden kann und so verhungert", ist insgesamt ein schäbiger, narzisstischer Sabbler, erscheint aber in seiner Gesellschaft relativ normal: Er wird als Chef und Koryphäe geschätzt und respektiert, seine Machtstellung erinnert heute an die der Bonzen. Seiner Frau gegenüber verhält er sich wie ein wehleidiger Pascha. Seine Kollegen kritisieren ihn zwar, wie das in der sozialistischen Gesellschaft üblich war, gerade auch in seinem privaten Verhalten, das ja deutlich ins Berufsleben hineinwirkt, aber sie tasten ihn nicht wirklich an. So bekommt er am Ende keine Abstrafung, sondern einen attraktiveren Posten im Ministerium angeboten. Seine Selbstgefälligkeit und Verantwortungslosigkeit seiner Familie gegenüber erscheinen im gesamten Roman relativ normal, wie akzeptiertes Verhalten, wenngleich der Erzähler auch deutliche Worte der Kritik für ihn findet.
Auffällig die Erzählhaltung. Der Autor ,der auch (aber erst 1975) eine Biografie über Jean Paul geschrieben hat, steht hier ganz unter dem Einfluss dieses Romantikers. Er schreibt in der 3.Person Singular, als auktorialer Erzähler, der oft witzig-geistreich wie Jean Paul ins rankenreiche, ausschweifende Fabulieren gerät und virtuos immer wieder in die personale Erzählform hineingleitet und so insgesamt auch die Distanz zum Sujet herstellt (mit der Ausnahme des Kapitels, in dem die erste Liebesnacht mit Fräulein Broder sehr emphatisch geschildert wird). Außerdem erinnert der Stil häufig an Fontane. Dieses Erzählverhalten wirkt einerseits durchaus amüsant, andererseits aber auch etwas obsolet-biedermeierlich und vermittelt insfoern auch im Stil den Geist der damaligen Stimmung in der DDR: Es ging durchaus besinnlich, betulich, provinziell, familiär unter den Menschen zu, was jetzt aber bei de Bruyn in einen Gegensatz zu der Schäbigkeit des Protagonisten und seines Verhaltens gerät. Insofern will mir dieser Stil auch schon für 1968 als zu uneinheitlich und überholt erscheinen. Vielleicht erklärt das die Tatsache, dass es um de Bruyn relativ still geworden ist, indem er nämlich nicht mehr wirklich einen authentischen Ausdruck für die Lebensverhältnisse in seiner Zeit fand.