"Alles Leben ist Beschränkung." (Wilde)
Wilde (1854-1900) starb viel zu früh; welch große Kunst ist der Menschheit vorenthalten worden, eine zweite Salome, einen neuen Bunbury, wie gern hätten die Leser diese noch gelesen. Er irrte sich nicht, als er sagte, sein Genie bewahre er für das Leben, sein Talent investiere er in die Kunst. Doch sein Genius war größer als seine Rolle innerhalb der Dandy-Gesellschaft Yeats hielt ihn für einen frustrierten Mann der Taten, den es in die Literaturszene verschlagen habe. Und doch ist seine letzte Komödie die beste. Denn die Komödie, die oft in den Schatten der ehrwürdigeren Tragödie gestellt wird, verdient gleichwohl eine genauere Würdigung. Und so gebe ich Jorge Luis Borges Recht, der sagte: "Der größte Ästhet hat fast immer Recht". Wollen wir mehr wissen, als dass Wilde ein must have in schlechten Zeiten ist? Wer sonst sollte uns aufmuntern? "Wir können den Tag nicht mit Erklärungen hinbringen", formulierte einst Emerson und so wird Wilde gedacht haben. Wilde ist geschaffen für das Paradoxe, für den Witz, den Humor, das Pointierte. Dieses finden wir brillant in Bunbury, ebenso wie die höchste Kritik, die nichts anderes ist, als das "Zeugnis der eigenen Seele", wie Lady Brachnell vermutet.
Ernst sein ist alles! Man könnte meinen, Wilde schrieb eine Parodie auf sich selbst, auf sein Doppelgängerleben. It is important to be W(w)ilde. Der Wortwitz mit earnest und ernest steht auf höchstem Niveau. "Onkel Jack ist furchtbar ernst", sagt Cecily, eben über Jack, der auf dem Lande Jack ist, in der Stadt jedoch Ernst, um ungehindert sein amouröses Leben genießen zu können. (Jack=John=Ernest Worthing) Und sein Freund/Bruder (Algernon Moncrieff=Bunbury=Ernest Worthing), der ungehindert aufs Land fahren will, Stadtflucht zur Ruhe braucht und dem dieses nur gelingt, in dem er den Invaliden Bunbury ersinnt, der zu pflegen ist. Zwei Menschen, bekannt als Freunde und unwissend der Geschwisterstellung, beide verliebt, Jack aka Ernst in Gwendolen, die Tochter der Lady Bracknell, Algernon aka Ernst (vorgeblich) in Cecily.
Die die Geschichte umfassenden Sätze: "Das, mein lieber Algy, ist die ganze Wahrheit, klar und einfach" und das erkenntnisreiche Bemerken am Ende entsetzt Jack: "Gwendolen, es ist furchtbar für einen Mann, wenn sich plötzlich herausstellt, dass er sein ganzes Leben lang nichts als die Wahrheit gesagt hat" prägen den Inhalt. Ein Spiel, ein Verwirrspiel erster Güte um Lüge und Wahrheit, eigentlich um den Verfall der Lüge. Denn die vermeintliche Lüge entpuppt sich als Wahrheit. Literarisch orthodox wäre die scheinbare Lüge, die zur Wahrheit wird, Wilde jedoch liebt das Paradoxe, die ganze Wahrheit von Anfang an ist Lüge und bestätigt sich als Wahrheit erst am Schluss. Dieses Prinzip durchzieht das Stück, wie das Wortspiel von earnest und Ernest. Da wo die Antwort auf die Frage: "Wenn sie ihm glauben können?" wunderbares Echo findet: "Nein. Aber das ändert nichts an der wundervollen Schönheit der Antwort". Und Wildes Liebe zum Paradoxen präsentiert sich bestens in der Wartespannung, als Jack die Reisetasche sucht und Wilde Gwendolen sagen lässt: "Die Ungewissheit ist furchtbar. Hoffentlich dauert sie an".
"Ich heiße also Ernst" resümiert Jack voller Stolz, die Verhältnisse sind geregelt, das Happy End naht unwiderruflich. Und Jack ergänzt voller Zweideutigkeit: "Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gemerkt, wie wichtig es ist, ernst zu sein".
Wilde ist bravourös und allzeit zu empfehlen. (Salome, Dorian Gray, Teleny stehen rezensiert bereit) Sein Leben fasst er so zusammen: "Was mir das Paradoxe in der Sphäre des Denkens war, wurde mir das Perverse im Bereich der Leidenschaft". (De Profundis, Brief an seinen Freund Lord Alfred Douglas)